Tiergestützte Therapie: Wie Tiere in der Behandlung helfen
Hund, Pferd und Co. in der Behandlung: Formen, mögliche Wirkung, Studienlage, Risiken, Kosten und woran Sie seriöse Angebote erkennen.
Bei der tiergestützten Therapie bringen ausgebildete Fachkräfte speziell vorbereitete Tiere gezielt in die Behandlung ein, am häufigsten Hunde und Pferde. Tiere können Kontakt erleichtern, beruhigen und motivieren, gerade bei Menschen, die sich im Gespräch schwertun. Sie sind eine Ergänzung zu Psychotherapie und ärztlicher Behandlung, kein Ersatz, und die Kosten trägt meist nicht die Krankenkasse.
Dieser Artikel erklärt, welche Formen es gibt, wie Tiere wirken können, was die Forschung sagt und worauf Familien bei der Auswahl achten sollten. Einen Überblick über die anerkannten Behandlungsverfahren finden Sie auf der Seite Psychotherapie.
Begriffe: Was genau gemeint ist
Nicht jeder Besuch eines Hundes im Pflegeheim ist Therapie. Fachverbände unterscheiden mehrere Formen:
| Form | Was passiert | Wer leitet an |
|---|---|---|
| Tiergestützte Aktivität | Besuche, Spiel und Kontakt ohne festes Therapieziel | Geschulte Ehrenamtliche oder Fachkräfte |
| Tiergestützte Pädagogik | Lern- und Förderziele, etwa in Schule oder Kita | Pädagogische Fachkräfte mit Zusatzqualifikation |
| Tiergestützte Therapie | Geplante Einheiten mit Behandlungsziel, Dokumentation und Auswertung | Therapeutische Fachkräfte mit Zusatzqualifikation |
| Pferdegestützte Angebote | Arbeit am und mit dem Pferd, vom heilpädagogischen Reiten bis zur pferdegestützten Psychotherapie | Je nach Form pädagogische, physio- oder psychotherapeutische Fachkräfte |
| Assistenzhund | Hund lebt bei einer Person und unterstützt sie im Alltag | Kein Therapieangebot, sondern Hilfsmittel für eine Person |
Wichtig ist der Grundberuf: Tiergestützte Therapie im engeren Sinn leisten Fachkräfte wie Psychotherapeutinnen, Ergotherapeuten oder Fachkräfte der Heilpädagogik, die das Tier als zusätzliches Mittel einsetzen.
Wie Tiere in der Behandlung wirken können
Die Wirkung von Tieren ist nicht geheimnisvoll. Sie beruht auf einigen gut beschreibbaren Mechanismen:
- Eisbrecher: Ein Tier gibt ein unverfängliches Gesprächsthema und nimmt Druck aus der Situation.
- Ehrliche Rückmeldung: Tiere reagieren auf Körpersprache und Stimmung, nicht auf Worte. Das kann helfen, das eigene Verhalten wahrzunehmen.
- Beruhigung: Streicheln und ruhiger Körperkontakt können Anspannung senken. Diskutiert werden dabei auch körperliche Prozesse, etwa die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin.
- Selbstwirksamkeit: Ein Pferd zu führen oder einem Hund ein Kommando zu geben, vermittelt das Gefühl, etwas zu bewirken.
- Aktivierung: Versorgung, Bewegung und feste Abläufe bringen Struktur, was bei Antriebslosigkeit helfen kann.
Wo tiergestützte Angebote eingesetzt werden
Tiere kommen in sehr unterschiedlichen Bereichen zum Einsatz: in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, in Suchtrehabilitation, Gerontopsychiatrie und Pflegeheimen, in Wohnangeboten für psychisch kranke Menschen und auch in der forensischen Psychiatrie. Häufige Zielgruppen sind Menschen mit Depressionen, Angst, Traumafolgen, Demenz oder mit Schwierigkeiten im Kontakt zu anderen. Mehr zu einzelnen Erkrankungen finden Sie unter Krankheitsbilder.
Wie eine Sitzung ablaufen kann
Eine tiergestützte Einheit folgt einem Plan. Vorab klärt die Fachkraft mit der Patientin oder dem Patienten, welches Ziel im Mittelpunkt steht, etwa Kontakt aufnehmen, Grenzen setzen oder Anspannung regulieren. Die Sitzung beginnt oft mit einer ruhigen Begegnung: Das Tier wird begrüßt, gestreichelt oder beobachtet. Danach folgen Aufgaben, die zum Ziel passen, zum Beispiel einen Hund durch einen kleinen Parcours führen, ein Pferd putzen und am Strick führen oder dem Tier ein neues Signal beibringen.
Im Anschluss wird besprochen, was passiert ist. Warum ist das Pferd stehen geblieben? Was hat der Hund auf die laute Stimme hin gemacht? Solche Beobachtungen lassen sich auf Beziehungen im Alltag übertragen. Die Fachkraft dokumentiert den Verlauf, damit Fortschritte sichtbar werden. Einheiten dauern meist zwischen einer halben und einer Stunde, das Tier bekommt danach eine Pause.
Kinder und Jugendliche
In der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sind Tiere besonders verbreitet. Junge Menschen, die mit Erwachsenen kaum sprechen, öffnen sich gegenüber einem Hund oft schneller. Ein Tier bewertet nicht, und es bietet Anlass, über Gefühle zu sprechen, ohne direkt nach den eigenen gefragt zu werden. Angebote finden sich in Kinder- und Jugendpsychiatrien, Beratungsstellen, Wohngruppen und Schulen.
Eltern sollten bei solchen Angeboten dieselben Fragen stellen wie bei Erwachsenen: Wer leitet an, mit welchem Ziel, und wie ist das Angebot in die übrige Behandlung eingebunden? Ein Reitkurs oder ein Besuchshund in der Schule kann guttun, ersetzt aber keine kinder- und jugendpsychiatrische oder psychotherapeutische Abklärung, wenn ein Kind deutlich leidet.
Was die Forschung sagt
Die Studienlage ist gemischt. Viele Untersuchungen berichten positive Effekte, etwa auf Stimmung, Angst, Anspannung oder die Bereitschaft, an einer Behandlung teilzunehmen. Gleichzeitig haben die meisten Studien Schwächen: kleine Gruppen, kurze Beobachtungszeiträume, sehr unterschiedliche Angebote und oft keine Vergleichsgruppe, die stattdessen eine andere angenehme Aktivität erhalten hat.
Daraus folgt eine vorsichtige Einschätzung: Tiergestützte Angebote können eine sinnvolle Ergänzung sein, wenn sie gut eingebettet sind. Als eigenständige Behandlung einer psychischen Erkrankung sind sie nicht ausreichend belegt und spielen in den Behandlungsleitlinien keine zentrale Rolle. Wer Ihnen Heilung allein durch Tiere verspricht, übertreibt.
Grenzen und Risiken
- Allergien und Ängste: Für Menschen mit Tierhaarallergie oder Angst vor Hunden oder Pferden ist das Angebot ungeeignet oder muss angepasst werden.
- Hygiene: Tiere können Krankheitserreger übertragen. Seriöse Anbieter arbeiten mit Hygieneplan und regelmäßiger tierärztlicher Kontrolle.
- Verletzungen: Bisse, Stürze oder Tritte sind selten, aber möglich, besonders bei Pferden.
- Tierwohl: Auch Therapietiere brauchen Pausen, begrenzte Einsatzzeiten und eine artgerechte Haltung.
- Abhängigkeit vom Angebot: Endet die Therapie, kann der Abschied vom Tier schmerzhaft sein. Das sollte vorher besprochen werden.
- Falsche Erwartungen: Das Tier ist ein Hilfsmittel, die eigentliche Arbeit bleibt die therapeutische Beziehung und die Behandlung der Erkrankung.
Kosten und wer sie trägt
Tiergestützte Therapie ist kein Richtlinienverfahren der Psychotherapie und in der Regel keine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Für Familien ergeben sich daraus mehrere Möglichkeiten:
| Situation | Mögliche Finanzierung |
|---|---|
| Stationärer Aufenthalt | Teil des Klinikprogramms, ohne eigene Kosten |
| Kinder und Jugendliche | Im Einzelfall über die Kinder- und Jugendhilfe oder Eingliederungshilfe, nach Antrag |
| Erwachsene mit Behinderung | Im Einzelfall über die Eingliederungshilfe, nach Antrag |
| Private Krankenversicherung | Abhängig vom Tarif, vorher schriftlich anfragen |
| Ambulant ohne Kostenträger | Selbstzahlung |
Holen Sie vor Beginn eine schriftliche Zusage ein, wenn ein Kostenträger zahlen soll. Lassen Sie sich die Kosten pro Einheit und die geplante Zahl der Einheiten vorab nennen.
Seriöse Angebote erkennen
- Grundberuf prüfen: Welche therapeutische oder pädagogische Ausbildung hat die Fachkraft?
- Zusatzqualifikation erfragen: Gibt es eine Weiterbildung in tiergestützter Arbeit, etwa nach Standards von Fachverbänden wie ESAAT oder ISAAT?
- Nach dem Tier fragen: Ist es ausgebildet, wird es tierärztlich betreut, wie oft arbeitet es?
- Ziele klären: Welche Ziele werden vereinbart und wie wird der Verlauf überprüft?
- Einbettung sicherstellen: Ist das Angebot mit der ärztlichen oder psychotherapeutischen Behandlung abgestimmt?
- Vorsicht bei Versprechen: Heilversprechen oder Druck, viele Einheiten im Voraus zu bezahlen, sind Warnsignale.
Und das eigene Haustier?
Viele Menschen mit psychischen Erkrankungen erleben ihr Haustier als wichtige Stütze. Ein Hund holt sie täglich nach draußen, eine Katze gibt Nähe ohne Worte. Das ist wertvoll, aber keine Therapie. Wer sich in einer instabilen Phase ein Tier anschafft, sollte vorher klären, wer es versorgt, wenn ein Klinikaufenthalt nötig wird. Diese Frage gehört auch in einen Krisenplan. Angehörige, Nachbarn oder eine Tierpension können einspringen, wenn die Absprache rechtzeitig getroffen wurde.
Wenn Sie für einen Angehörigen nach einer passenden Behandlung suchen, beginnen Sie mit der ärztlichen oder psychotherapeutischen Abklärung. Wo es welche Hilfe gibt, erklärt die Seite Hilfe finden.
Fragen und Antworten
- Zahlt die Krankenkasse tiergestützte Therapie?
- In der Regel nicht. Tiergestützte Therapie gehört nicht zu den Richtlinienverfahren der Psychotherapie und ist auch kein reguläres Heilmittel. Manche Kliniken bieten sie im Rahmen eines stationären Programms ohne Zusatzkosten an. In Einzelfällen kommen andere Kostenträger wie die Eingliederungshilfe oder die Kinder- und Jugendhilfe in Frage. Fragen Sie vor Beginn schriftlich nach.
- Hilft tiergestützte Therapie bei Depressionen?
- Einige Studien berichten, dass Begegnungen mit Tieren Stimmung, Antrieb und Anspannung kurzfristig verbessern können. Die Studien sind aber meist klein und schwer vergleichbar. Tiergestützte Angebote können eine Behandlung mit Psychotherapie und gegebenenfalls Medikamenten ergänzen, sie ersetzen sie nicht.
- Was ist der Unterschied zwischen Therapiehund und Assistenzhund?
- Ein Therapiehund arbeitet zusammen mit einer Fachkraft für viele verschiedene Menschen in Therapie- oder Fördersitzungen. Ein Assistenzhund lebt dauerhaft bei einem Menschen mit Behinderung und ist auf dessen Bedürfnisse trainiert, zum Beispiel bei einer posttraumatischen Belastungsstörung. Für Assistenzhunde gibt es in Deutschland eigene gesetzliche Regeln.
- Kann ein eigenes Haustier die Therapie ersetzen?
- Nein. Ein Haustier kann Struktur, Bewegung und Nähe in den Alltag bringen und für viele Menschen eine wichtige Stütze sein. Es ist aber keine Behandlung. Bei schweren Krisen kann die Verantwortung für ein Tier auch zur zusätzlichen Belastung werden. Klären Sie deshalb vorab, wer sich im Notfall kümmert.
Quellen und Grundlagen
- IAHAIO: Definitionen und Leitlinien zu tiergestützten Interventionen
- ESAAT und ISAAT: Standards für Weiterbildungen in tiergestützter Therapie
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Psychotherapie-Richtlinie
- Robert Koch-Institut: Hinweise zu Hygiene bei Tierkontakt in Gesundheitseinrichtungen
Diese Seite ersetzt keine ärztliche, psychotherapeutische oder rechtliche Beratung. Sie erklärt allgemeine Zusammenhänge; wie es im Einzelfall weitergeht, klären Betroffene und Angehörige mit den behandelnden Fachleuten. Hinweise auf Fehler nehmen wir über die Kontaktseite gerne entgegen.
Weiterlesen
- Psychotherapie
Welche Verfahren es gibt, wie der Weg zum Therapieplatz aussieht und wer die Kosten übernimmt.
- Krankheitsbilder
Die häufigsten psychischen Erkrankungen aus Sicht von Angehörigen: Anzeichen, Verlauf, Behandlung.
- Hilfe finden
Wer im Hilfesystem wofür zuständig ist: von der Hausarztpraxis über den Sozialpsychiatrischen Dienst bis zur Klinik.
Zuletzt überarbeitet am 26. Oktober 2026 von der Redaktion Lichtblick.