Buchempfehlungen für Betroffene und Angehörige
Ratgeber, Erfahrungsberichte, Kinderbücher und Klassiker, kurz eingeordnet von der Redaktion.
Unter dieser Adresse erschien früher eine Rubrik mit Buchrezensionen zu Psychiatrie und Selbsthilfe. Diese Texte gibt es nicht mehr. Wir setzen die Idee mit einer eigenen, kleinen Auswahl fort: Bücher, die Betroffenen und Angehörigen helfen können, eine Erkrankung zu verstehen, mit ihr zu leben oder ihre Geschichte einzuordnen. Die Kurzbeschreibungen stammen von der Redaktion. Wir erhalten keine Provision und verlinken keine Shops. Angaben zu Auflagen ändern sich; im Zweifel gilt die Verlagsangabe.
Sachbücher und Ratgeber für Angehörige
Asmus Finzen: Schizophrenie. Die Krankheit verstehen, behandeln, bewältigen (Psychiatrie Verlag). Ein seit Jahren bewährtes Standardwerk, das Symptome, Ursachen, Behandlung und Alltag mit der Erkrankung verständlich erklärt. Es richtet sich ausdrücklich an Erkrankte, Angehörige und Fachleute gleichermaßen. Passend zur Seite Schizophrenie verstehen.
Psychiatrie Verlag, Reihe Basiswissen. Die schmalen Bände der Reihe erklären einzelne Erkrankungen und Themen wie Psychosen, Depression, bipolare Störung oder Angehörigenarbeit kompakt und praxisnah. Sie eignen sich gut als Einstieg, wenn eine Diagnose neu ist.
Klaus Dörner, Ursula Plog und weitere: Irren ist menschlich. Ein Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie, das erstmals 1978 erschien und viele Generationen von Fachleuten geprägt hat. Es ist für Laien anspruchsvoll, zeigt aber eindrucksvoll die Haltung der Psychiatriereform: den Menschen in seiner Lebenswelt sehen, nicht nur die Diagnose.
Erfahrungsberichte
Erfahrungsberichte zeigen von innen, wie sich eine Erkrankung anfühlt. Für Angehörige sind sie oft der Moment, in dem sie Verhalten plötzlich besser verstehen.
Kay Redfield Jamison: Meine ruhelose Seele. Die US-amerikanische Psychiatrieprofessorin beschreibt ihre eigene bipolare Erkrankung, die Faszination der Manie, die Abgründe der Depression und den langen Weg zu einer Behandlung, die sie akzeptieren konnte.
Andrew Solomon: Saturns Schatten. Eine umfangreiche Mischung aus persönlichem Bericht über schwere Depressionen, Gesprächen mit Betroffenen und Wissenschaftsgeschichte. Für Leserinnen, die tief einsteigen möchten.
Matt Haig: Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben. Der britische Autor schreibt über seine schwere Depression und Angststörung in jungen Jahren. Kurze Kapitel, zugänglich und hoffnungsvoll, auch für jüngere Erwachsene geeignet.
Tobi Katze: Morgen ist leider auch noch ein Tag. Ein humorvoller und zugleich ehrlicher Bericht eines deutschen Autors über das Leben mit Depression. Gut geeignet für Menschen, denen schwere Sachbücher zu viel sind.
Hinweis: Erfahrungsberichte schildern einzelne Lebenswege. Was einem Menschen geholfen hat, passt nicht automatisch für andere. Fragen zur eigenen Behandlung gehören in das Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem Therapeuten.
Bücher für Kinder psychisch erkrankter Eltern
Kinder spüren, wenn ein Elternteil erkrankt ist, und füllen fehlende Erklärungen oft mit eigenen Schuldgefühlen. Kindgerechte Bücher helfen, darüber ins Gespräch zu kommen. Sie sind am wirksamsten, wenn ein Erwachsener sie gemeinsam mit dem Kind liest.
Schirin Homeier: Sonnige Traurigtage (Mabuse-Verlag). Ein illustriertes Kinderfachbuch über Depression für Kinder im Grundschulalter, mit einem Ratgeberteil für Eltern und Bezugspersonen.
Christiane Tilly und Anja Offermann: Mama, Mia und das Schleuder-Programm (Balance Buch + Medien Verlag). Erklärt Kindern die Borderline-Persönlichkeitsstörung eines Elternteils in einer kindgerechten Geschichte.
Klassiker zur Geschichte der Psychiatrie und zu Stigma
Erving Goffman: Asyle. Die soziologische Studie aus den 1960er-Jahren untersucht, wie große psychiatrische Anstalten als „totale Institutionen“ das Leben der Insassen prägen. Sie hat die Psychiatriereform stark beeinflusst.
Erving Goffman: Stigma. Das Grundlagenwerk darüber, wie Menschen wegen eines Merkmals abgewertet werden und wie sie damit umgehen. Passend zur Seite Stigma und Diskriminierung.
Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. Die philosophische Untersuchung, wie Europa seit der frühen Neuzeit den „Wahnsinn“ ausgegrenzt hat. Einflussreich und umstritten, keine leichte Lektüre.
Ernst Klee: „Euthanasie“ im NS-Staat. Das Standardwerk zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ in der NS-Zeit, auf breiter Quellenbasis. Wer sich mit diesem Kapitel der Geschichte der Psychiatrie beschäftigen will, kommt an diesem Buch kaum vorbei.
Romane und Lebensgeschichten
Ken Kesey: Einer flog über das Kuckucksnest. Der Roman über eine psychiatrische Station in den USA der 1950er-Jahre wurde durch die Verfilmung weltberühmt. Er ist eine Anklage gegen Machtmissbrauch in Institutionen, zeichnet aber kein realistisches Bild heutiger Psychiatrie.
Sylvia Nasar: Auf den fremden Meeren des Denkens. Die Biografie des Mathematikers John Nash, der an Schizophrenie erkrankte und später den Wirtschaftsnobelpreis erhielt. Sie zeigt, dass ein Leben mit schwerer psychischer Erkrankung viele Wendungen nehmen kann.
Wie Sie das passende Buch finden
- Für den Einstieg nach einer neuen Diagnose: ein kompaktes Sachbuch zur jeweiligen Erkrankung.
- Zum Verstehen von innen: ein Erfahrungsbericht von jemandem mit derselben Erkrankung.
- Für Kinder: ein Bilderbuch, gemeinsam gelesen.
- Bei Interesse an Hintergründen: Klassiker zu Geschichte und Stigma.
- Fragen Sie in Ihrer Angehörigengruppe nach Tipps; andere Familien kennen oft gute Titel.
Fehlt Ihnen ein Buch, das Ihnen geholfen hat? Schreiben Sie uns über die Kontaktseite. Wir prüfen Vorschläge und ergänzen die Liste.
Fragen und Antworten
- Wo bekomme ich die Bücher günstig?
- Viele der genannten Titel sind in öffentlichen Bibliotheken ausleihbar. Psychiatrische Kliniken und Angehörigengruppen haben oft eigene kleine Bibliotheken. Wir verlinken bewusst keine Shops und verdienen an keinem der genannten Bücher.
- Welches Buch erklärt Kindern eine psychische Erkrankung der Eltern?
- Für Grundschulkinder gibt es illustrierte Bücher, die Erkrankungen kindgerecht erklären, etwa „Sonnige Traurigtage“ von Schirin Homeier zum Thema Depression oder „Mama, Mia und das Schleuder-Programm“ von Christiane Tilly und Anja Offermann zum Thema Borderline. Am besten lesen Eltern oder Bezugspersonen die Bücher gemeinsam mit dem Kind.
Quellen und Grundlagen
- Verlagsangaben der genannten Titel (Psychiatrie Verlag, Mabuse-Verlag, Balance Buch + Medien Verlag und weitere)
- Literaturlisten zu Kindern psychisch erkrankter Eltern von Jugendämtern und Hochschulen
- Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK): Lesetipps
Diese Seite ersetzt keine ärztliche, psychotherapeutische oder rechtliche Beratung. Sie erklärt allgemeine Zusammenhänge; wie es im Einzelfall weitergeht, klären Betroffene und Angehörige mit den behandelnden Fachleuten. Hinweise auf Fehler nehmen wir über die Kontaktseite gerne entgegen.
Weiterlesen
- Selbsthilfe
Wie Gruppen für Betroffene und Angehörige arbeiten, was Psychoedukation bringt und wie Sie eine Gruppe finden.
- Geschichte der Psychiatrie
Wie sich Bild und Behandlung psychischer Erkrankungen gewandelt haben: Irrwege, Verbrechen und Reformen.
- Erste Schritte
Ansprechen, Hilfe anstoßen, Grenzen setzen und selbst gesund bleiben: Orientierung für die ersten Wochen.
Zuletzt überarbeitet am 27. Oktober 2026 von der Redaktion Lichtblick.