Stigma und Diskriminierung psychisch kranker Menschen
Woher Vorurteile kommen, wie Medien und Sprache wirken und was Familien dem entgegensetzen können.
Wer an einer psychischen Erkrankung leidet, kämpft häufig an zwei Fronten. Die eine ist die Erkrankung selbst. Die andere sind die Reaktionen der Umgebung: Getuschel im Büro, Freunde, die sich nicht mehr melden, Vermieter, die absagen, Witze über „Klapsmühlen“. Fachleute sprechen von Stigma. Viele Betroffene beschreiben es als genauso belastend wie die Symptome. Auch Angehörige erleben Stigma, manchmal sogar Schuldzuweisungen.
Was Stigma bedeutet
Der Begriff Stigma stammt aus dem Griechischen und bezeichnete ursprünglich ein Brandmal. Der Soziologe Erving Goffman beschrieb in den 1960er-Jahren, wie Menschen wegen eines Merkmals abgewertet und ausgegrenzt werden. Bei psychischen Erkrankungen läuft das typischerweise in mehreren Schritten ab:
- Etikettierung: Ein Mensch wird über seine Diagnose wahrgenommen, „der Schizophrene“, „die Depressive“.
- Stereotype: Mit dem Etikett verbinden sich Vorurteile wie gefährlich, unberechenbar, schwach oder selbst schuld.
- Abgrenzung: Es entsteht ein „wir“ und ein „die“.
- Diskriminierung: Benachteiligung bei Arbeit, Wohnung, Versicherungen oder im sozialen Leben.
Die Folgen für Betroffene und Familien
Stigma hat handfeste Folgen. Viele Menschen suchen aus Angst vor dem Etikett spät oder gar keine Hilfe. Andere brechen eine Behandlung ab, weil sie nicht als „psychisch krank“ gelten wollen. Hinzu kommen Nachteile im Arbeitsleben, Rückzug von Freunden und Einsamkeit.
Besonders schwer wiegt die Selbststigmatisierung: Betroffene übernehmen die Vorurteile und halten sich selbst für schwach oder wertlos. Das kann die Erkrankung verstärken und die Genesung bremsen.
Angehörige erleben ein sogenanntes Familienstigma. Eltern hören, sie hätten bei der Erziehung versagt; Partnerinnen werden gefragt, warum sie bleiben; Kinder schämen sich, Freunde nach Hause einzuladen. Viele Familien schweigen deshalb und verlieren damit Unterstützung, die sie dringend bräuchten.
Woher die Vorurteile kommen
Vorurteile über psychische Erkrankungen haben lange Wurzeln. Über Jahrhunderte wurden psychisch Kranke verwahrt, ausgegrenzt und in der NS-Zeit sogar ermordet, wie die Seite Geschichte der Psychiatrie zeigt. Diese Geschichte wirkt bis heute nach.
Hinzu kommt fehlendes Wissen. Wer nie mit einem Menschen mit Psychose gesprochen hat, kennt die Erkrankung oft nur aus Filmen oder Schlagzeilen. Dort erscheinen psychisch Kranke überdurchschnittlich häufig als gefährlich oder lächerlich.
Medien und Sprache
Medien prägen das Bild psychischer Erkrankungen stark. Problematisch ist vor allem die Verknüpfung von Diagnose und Gewalt in der Berichterstattung über Verbrechen, wenn etwa nach einer Tat sofort über eine mögliche psychische Erkrankung spekuliert wird. Auch Begriffe wie „schizophren“ im Sinne von widersprüchlich oder „depressiv“ für schlechte Laune verfestigen Missverständnisse.
Ein besonderes Thema ist die Berichterstattung über Suizide. Untersuchungen zeigen, dass ausführliche, sensationelle Darstellungen Nachahmungstaten begünstigen können; Fachleute sprechen vom Werther-Effekt. Der Pressekodex des Deutschen Presserats enthält deshalb eine Richtlinie, die Zurückhaltung bei Suizidberichten verlangt. Umgekehrt können Berichte, die zeigen, wie Menschen Krisen überwunden haben, eine schützende Wirkung haben.
Was eine respektvolle Sprache ausmacht:
- „Ein Mensch mit Schizophrenie“ statt „ein Schizophrener“.
- Diagnosen nicht als Schimpfwort oder Metapher verwenden.
- Bei Suizid sachlich bleiben, Methoden nicht beschreiben, auf Hilfsangebote hinweisen.
- Psychiatrieerfahrene selbst zu Wort kommen lassen.
Was gegen Stigma hilft
Forschung zur Antistigma-Arbeit zeigt: Reine Aufklärung über Fakten wirkt begrenzt. Am wirksamsten ist persönlicher Kontakt, also die Begegnung mit Menschen, die offen über ihre Erkrankung sprechen. Schulprojekte, in denen Psychiatrieerfahrene von sich erzählen, trialogische Seminare und offene Arbeitgeber können Vorurteile deutlich abbauen.
Was Angehörige tun können:
- Selbst offen sprechen, soweit die erkrankte Person einverstanden ist.
- Abwertende Bemerkungen ruhig widersprechen.
- Sich informieren und Wissen weitergeben, etwa über die Seite Krankheitsbilder.
- Austausch mit anderen Familien suchen, zum Beispiel in einer Angehörigengruppe.
- Sich nicht für die Erkrankung schämen: Sie ist niemandes Schuld.
Offen sein oder nicht?
Ob Betroffene mit ihrer Erkrankung offen umgehen, ist eine persönliche Entscheidung. Offenheit kann Unterstützung bringen und Scham verringern, aber auch zu Nachteilen führen. Es gibt Programme, die Betroffenen helfen, diese Entscheidung bewusst zu treffen und vorzubereiten, wem sie was erzählen. Angehörige sollten diese Entscheidung respektieren und nicht ohne Absprache Dritte informieren.
Mehr zu Stigma
Fragen und Antworten
- Sind psychisch kranke Menschen gefährlicher als andere?
- Im Allgemeinen nicht. Menschen mit psychischen Erkrankungen werden deutlich häufiger Opfer von Gewalt als Täter. Ein leicht erhöhtes Risiko für Gewalthandlungen besteht bei einzelnen Erkrankungen in unbehandelten akuten Phasen, vor allem in Verbindung mit Alkohol oder Drogen. Die Gleichsetzung von psychischer Erkrankung und Gefährlichkeit ist ein Vorurteil.
- Was ist Selbststigmatisierung?
- Wenn Betroffene gesellschaftliche Vorurteile übernehmen und auf sich selbst anwenden, sprechen Fachleute von Selbststigmatisierung. Sie denken dann etwa, sie seien schwach, unfähig oder wertlos. Das kann Scham verstärken, die Hoffnung auf Besserung schwächen und dazu führen, dass Hilfe nicht angenommen wird.
- Muss ich meinem Arbeitgeber eine psychische Erkrankung mitteilen?
- In der Regel nicht. Auf einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung für den Arbeitgeber steht keine Diagnose. Ob jemand offen mit der Erkrankung umgeht, ist eine persönliche Entscheidung. Ausnahmen können bestehen, wenn die Erkrankung die Sicherheit am Arbeitsplatz direkt betrifft.
Quellen und Grundlagen
- Erving Goffman: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität
- Deutscher Presserat: Pressekodex, Richtlinie zur Berichterstattung über Selbsttötung
- Aktionsbündnis Seelische Gesundheit: Informationen zur Antistigma-Arbeit
- Weltgesundheitsorganisation: Berichte zur psychischen Gesundheit und Stigmatisierung
Diese Seite ersetzt keine ärztliche, psychotherapeutische oder rechtliche Beratung. Sie erklärt allgemeine Zusammenhänge; wie es im Einzelfall weitergeht, klären Betroffene und Angehörige mit den behandelnden Fachleuten. Hinweise auf Fehler nehmen wir über die Kontaktseite gerne entgegen.
Weiterlesen
- Krankheitsbilder
Die häufigsten psychischen Erkrankungen aus Sicht von Angehörigen: Anzeichen, Verlauf, Behandlung.
- Geschichte der Psychiatrie
Wie sich Bild und Behandlung psychischer Erkrankungen gewandelt haben: Irrwege, Verbrechen und Reformen.
- Selbsthilfe
Wie Gruppen für Betroffene und Angehörige arbeiten, was Psychoedukation bringt und wie Sie eine Gruppe finden.
Zuletzt überarbeitet am 27. Oktober 2026 von der Redaktion Lichtblick.