Selbsthilfe

Angehörigengruppe finden: So läuft das erste Treffen ab

Wo es Gruppen für Angehörige psychisch erkrankter Menschen gibt, wie das erste Treffen abläuft und woran Sie eine passende Gruppe erkennen.

Eine Angehörigengruppe finden Sie am schnellsten über die Selbsthilfekontaktstelle Ihrer Stadt oder Ihres Landkreises, über den Landesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen oder über die psychiatrische Klinik in Ihrer Nähe. Vor dem ersten Besuch lohnt ein kurzer Anruf bei der Ansprechperson. Beim ersten Treffen dürfen Sie einfach zuhören.

Der Schritt in eine Gruppe fällt vielen schwer. Manche schämen sich, andere glauben, ihre Situation sei nicht schlimm genug, oder sie haben schlicht keine Kraft für noch einen Termin. Wer den Schritt geht, berichtet aber oft von großer Erleichterung. Dieser Artikel führt Sie von der Suche bis zum ersten Abend.

Welche Gruppe passt zu Ihnen?

Gruppenform Für wen Besonderheit
Allgemeine Angehörigengruppe Angehörige von Menschen mit unterschiedlichen psychischen Erkrankungen breite Erfahrungen, oft viele Jahre bestehend
Erkrankungsspezifische Gruppe etwa bei Psychose, Depression, bipolarer Störung, Borderline, Essstörung gezielter Austausch über ein Krankheitsbild
Gruppe für bestimmte Angehörige Eltern, Partner, Geschwister, erwachsene Kinder ähnliche Rollen und Konflikte
Klinikgebundene Angehörigengruppe Angehörige von Patientinnen einer Klinik, oft auch offen für andere teils mit Fachbegleitung
Online- oder Videogruppe alle, die vor Ort nichts finden oder zeitlich gebunden sind ortsunabhängig, oft anonymer
Trialog oder Psychoseseminar Betroffene, Angehörige und Fachleute gemeinsam kein Behandlungsauftrag, Perspektivwechsel

Bei Suchterkrankungen gibt es eigene Angehörigengruppen, etwa bei Suchtberatungsstellen und in der Sucht-Selbsthilfe. Wer zusätzlich Fachwissen sucht, ist in einer Psychoedukationsgruppe für Angehörige gut aufgehoben; beide Angebote ergänzen sich.

So finden Sie eine Gruppe

  1. Selbsthilfekontaktstelle anrufen: In den meisten Städten und Landkreisen gibt es eine Kontaktstelle, die alle Gruppen der Region kennt und vermittelt. Die NAKOS bietet eine bundesweite Datenbank dieser Kontaktstellen.
  2. Landesverband der Angehörigen fragen: Die Landesverbände unter dem Dach des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen führen Listen von Angehörigengruppen und beraten auch telefonisch.
  3. Klinik und Ambulanz ansprechen: Sozialdienst, Station oder Institutsambulanz wissen, ob es eine Angehörigengruppe im Haus oder in der Nähe gibt.
  4. Sozialpsychiatrischen Dienst nutzen: Er kennt die regionalen Angebote, siehe Hilfe finden.
  5. Online suchen: Viele Gruppen haben eine Ansprechperson mit Telefonnummer oder E-Mail-Adresse auf der Website der Kontaktstelle oder des Verbands.

Vor dem ersten Treffen: der Anruf

Ein kurzes Telefonat mit der Ansprechperson nimmt viel Unsicherheit. Diese Fragen helfen:

  • Für wen ist die Gruppe gedacht, und passe ich hinein?
  • Wann und wo trifft sich die Gruppe, und wie oft?
  • Kann ich einfach vorbeikommen, oder ist eine Anmeldung nötig?
  • Wie viele Menschen kommen ungefähr?
  • Gibt es eine Fachbegleitung, oder organisiert sich die Gruppe selbst?
  • Entstehen Kosten, zum Beispiel ein kleiner Beitrag für Raum oder Getränke?

Häufige Bedenken vor dem ersten Mal

„Mein Fall ist nicht schlimm genug.“ Angehörigengruppen sind für alle da, die sich Sorgen um einen psychisch erkrankten Menschen machen, egal ob die Erkrankung gerade erst begonnen hat oder schon Jahrzehnte besteht. Gerade am Anfang hilft es, von Menschen zu hören, die schon weiter sind.

„Ich schäme mich.“ Scham ist eines der häufigsten Gefühle von Angehörigen, und eines der ersten, das in einer Gruppe kleiner wird. Alle Anwesenden wissen, wie es sich anfühlt.

„Ich verrate meinen Angehörigen, wenn ich über ihn spreche.“ In der Gruppe geht es um Ihre Situation und Ihre Gefühle. Sie müssen keine Namen und keine Details nennen. Und weil Vertraulichkeit gilt, dringt nichts nach außen.

„Ich halte die Geschichten der anderen nicht aus.“ Manche Geschichten sind schwer. Viele Gruppen achten darauf, dass neben Krisen auch Fortschritte und gute Momente Platz haben. Erfahrene Angehörige zeigen oft, dass ein Leben mit der Erkrankung gelingen kann.

„Dort wird nur gejammert.“ Gute Gruppen verbinden Verständnis mit praktischem Wissen: Wie bekomme ich Auskunft von der Klinik, wann hilft der Sozialpsychiatrische Dienst, wie gehe ich mit Geldproblemen um?

So läuft das erste Treffen ab

Jede Gruppe hat ihren eigenen Stil, ein typischer Ablauf sieht aber so aus:

  1. Ankommen: Die Ansprechperson begrüßt Sie, oft gibt es Tee oder Kaffee. Viele Gruppen sitzen im Kreis.
  2. Eingangsrunde: Jede Person sagt kurz, wie es ihr gerade geht. Als Neue stellen Sie sich mit Vornamen vor und sagen, wenn Sie möchten, in einem Satz, warum Sie da sind.
  3. Gruppenregeln: Neue werden meist auf die wichtigsten Regeln hingewiesen, vor allem die Vertraulichkeit.
  4. Gesprächsteil: Teilnehmende bringen aktuelle Themen ein, etwa eine Krise, ein schwieriges Gespräch mit der Klinik oder eine gute Nachricht. Andere erzählen, was ihnen in ähnlichen Situationen geholfen hat.
  5. Abschlussrunde: Zum Schluss sagt jede Person kurz, was sie mitnimmt. Danach bleiben manche noch für ein persönliches Gespräch.

Ein Treffen dauert häufig um die zwei Stunden. Sie können jederzeit gehen, wenn es Ihnen zu viel wird.

Typische Gruppenregeln

  • Was in der Gruppe gesagt wird, bleibt in der Gruppe.
  • Jede Person spricht von sich, nicht über andere in der Runde.
  • Niemand muss etwas erzählen.
  • Andere ausreden lassen, nicht bewerten.
  • Ratschläge nur, wenn sie gewünscht sind; Erfahrungen teilen ist besser als Belehren.

Woran Sie eine gute Gruppe erkennen

Eine gute Gruppe gibt Raum für alle, ist offen für Neue und lässt unterschiedliche Wege zu. Sie verweist in Krisen auf professionelle Hilfe und weiß, wo ihre Grenzen liegen.

Vorsicht ist angebracht, wenn eine Gruppe pauschal von jeder Behandlung abrät, Heilsversprechen macht, Druck ausübt, regelmäßige Zahlungen oder Mitgliedschaften verlangt oder Sie von anderen Hilfen fernhalten will. Hinter solchen Angeboten stehen gelegentlich Organisationen mit eigenen weltanschaulichen Interessen. Seriöse Gruppen sind meist bei der Selbsthilfekontaktstelle oder einem Angehörigenverband bekannt.

Nach dem ersten Treffen

Lassen Sie den Abend nachwirken. Es ist normal, wenn er aufwühlend war: Andere Geschichten erinnern an die eigene. Geben Sie der Gruppe zwei oder drei Treffen, bevor Sie entscheiden. Viele merken erst nach einiger Zeit, wie gut es tut, nicht mehr alles erklären zu müssen.

Hilfreich ist, nach dem Treffen kurz aufzuschreiben, was Sie mitgenommen haben: einen Hinweis auf eine Beratungsstelle, einen Satz, der Ihnen gutgetan hat, oder eine Frage, die Sie beim nächsten Mal stellen möchten. Manche Gruppen tauschen Telefonnummern aus, damit sich Teilnehmende auch zwischen den Treffen erreichen können. Ob Sie das möchten, entscheiden Sie selbst.

Online-Gruppen: worauf Sie achten sollten

Video- und Online-Gruppen sind für viele Angehörige ein guter Einstieg, etwa auf dem Land, bei Schichtarbeit oder wenn Sie zu Hause nicht weg können. Damit der Austausch sicher und hilfreich ist, lohnt ein kurzer Blick auf diese Punkte:

  • Wer steht dahinter? Seriöse Angebote nennen einen Träger, etwa einen Angehörigenverband, eine Klinik oder eine Selbsthilfekontaktstelle, und eine erreichbare Ansprechperson.
  • Feste Gruppe oder offenes Forum? Eine geschlossene Videogruppe mit festen Teilnehmenden bietet mehr Vertraulichkeit als ein öffentliches Forum, in dem jeder mitlesen kann.
  • Regeln: Auch online sollten Vertraulichkeit und respektvoller Umgang ausdrücklich vereinbart sein. Aufnahmen und Screenshots sind in guten Gruppen nicht erlaubt.
  • Datenschutz: Nutzen Sie einen Vornamen oder ein Kürzel und geben Sie keine Daten preis, die Ihr Familienmitglied erkennbar machen.
  • Technik: Probieren Sie Zugang, Kamera und Ton vor dem ersten Termin aus. Viele Ansprechpersonen helfen dabei gern.

Online-Gruppen ersetzen die Begegnung vor Ort nicht ganz, für manche sind sie aber der Schritt, der eine spätere Teilnahme in Präsenz erst möglich macht. Beides lässt sich auch kombinieren.

Wenn es keine passende Gruppe gibt

Gerade auf dem Land ist das Angebot dünn. Dann gibt es mehrere Möglichkeiten: Online- und Videogruppen nutzen, eine Gruppe in der nächsten Stadt besuchen oder selbst eine Gruppe gründen. Selbsthilfekontaktstellen unterstützen bei der Gründung mit Räumen, Öffentlichkeitsarbeit und Beratung. Die gesetzlichen Krankenkassen fördern die Selbsthilfe finanziell, auch neu gegründete Gruppen können Mittel beantragen.

Eine Gruppe ist ein Baustein, um als Angehöriger auf Dauer handlungsfähig zu bleiben. Weitere Anregungen stehen auf der Seite Erste Schritte für Angehörige, einen Überblick über alle Formen der Selbsthilfe gibt die Seite Selbsthilfe. In akuten Krisen ersetzt die Gruppe keine professionelle Hilfe; dann gelten die Wege auf der Seite Psychische Krise.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Muss ich beim ersten Treffen etwas erzählen?
Nein. Sie können sich kurz mit Vornamen vorstellen und ansonsten zuhören. Viele Neue erzählen beim ersten Mal wenig. Die Gruppe kennt das und erwartet nichts von Ihnen.
Kann ich meinen erkrankten Angehörigen mitbringen?
In reine Angehörigengruppen in der Regel nicht, weil Angehörige dort offen über ihre Belastung sprechen sollen. Für Betroffene gibt es eigene Gruppen, und in trialogischen Seminaren sprechen Betroffene, Angehörige und Fachleute gemeinsam.
Was ist, wenn mir die Gruppe nicht gefällt?
Geben Sie einer Gruppe zwei bis drei Treffen. Wenn sie dann nicht passt, ist es völlig in Ordnung, eine andere auszuprobieren oder ein Online-Angebot zu nutzen. Gruppen unterscheiden sich stark in Stimmung, Größe und Zusammensetzung.
Gibt es Gruppen speziell für Eltern oder für Kinder psychisch erkrankter Eltern?
Ja, vor allem in größeren Städten. Es gibt Gruppen für Eltern erwachsener Kinder mit Psychose, für Partnerinnen und Partner sowie für erwachsene Kinder psychisch erkrankter Eltern. Die Selbsthilfekontaktstelle weiß, was es in Ihrer Region gibt.

Quellen und Grundlagen

  • NAKOS, Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen
  • Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) und seine Landesverbände
  • Sozialgesetzbuch V, § 20h: Förderung der Selbsthilfe

Diese Seite ersetzt keine ärztliche, psychotherapeutische oder rechtliche Beratung. Sie erklärt allgemeine Zusammenhänge; wie es im Einzelfall weitergeht, klären Betroffene und Angehörige mit den behandelnden Fachleuten. Hinweise auf Fehler nehmen wir über die Kontaktseite gerne entgegen.

Zuletzt überarbeitet am 26. Oktober 2026 von der Redaktion Lichtblick.