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Von ddp-Korrespondent Jan Staiger
Mainz (ddp-swe). In einem Viehwagen wurde der Trierer Jude Erich Süßkind im März 1943 nach Auschwitz deportiert. Als sowjetische Truppen das berüchtigte Konzentrationslager am 27. Januar befreiten, hatte Süßkind als einer der Wenigen überlebt, seine Frau und sein Sohn aber waren in der Gaskammer gestorben. Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus erklärte 1996 der damalige Bundespräsident Roman Herzog (CDU) den 27. Januar zum Nationalen Gedenktag. So gedenken am Dienstag auch die Menschen in Rheinland-Pfalz auf zahlreichen Veranstaltungen der Verfolgten und Getöteten. Erinnert wird dabei vor allem an die Nazi-Verbrechen in den Regionen.
"Wir wollen an Verbrechen erinnern, wie sie konkret vor Ort stattgefunden haben", sagt Markus Pflüger, Sprecher der Trierer Arbeitsgemeinschaft Frieden (AGF). Die Organisation bietet am Dienstag zum 80. Mal einen Stadtrundgang an, der den dunkelsten Abschnitt der deutschen Geschichte anhand von Einzelschicksalen Trierer Bürger veranschaulicht.
Erich Süßkind ist eines dieser Schicksale. In der Morgendämmerung mitsamt seiner Frau und seinem Sohn verhaftet, kam er zuerst ins Trierer Gefängnis, dann in den Städtischen Schlachthof von Dortmund. Zusammengepfercht in einem Viehwagen transportierte man die Familie schließlich nach Auschwitz. Dort angekommen, wurden die Frauen und Kindern von den Männern getrennt. "Damals sah ich meine Frau und meinen Sohn zum letzten Mal auf der Rampe", schrieb Süßkind später in seinen Aufzeichnungen.
Weitere Stationen des Stadtrundgangs sind etwa der Hauptmarkt, der 1932 Schauplatz von Straßenkämpfen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten wurde, oder die Brotstraße, in der 13 Geschäfte jüdischer Inhaber ab April 1933 boykottiert wurden. Zeitgenössische Fotos und authentische Erlebnisberichte illustrieren den Rundgang und machen die Geschichte wieder lebendig. Auch Beispiele für den Widerstand hätten auf dem Rundgang ihren Platz, betonte Pflüger. So habe der mutige evangelische Pfarrer Klaus Lohmann sich in seinen Predigten immer wieder für eine Verbrüderung mit den Juden ausgesprochen, weshalb er mehrfach verhaftet worden sei.
In virtueller Form macht die AGF den Stadtrundgang seit einem Jahr auch einem größeren Publikum zugänglich: Unter www.stattfuehrer.de sind die Geschichten hinter den einzelnen Stationen zusammengefasst. Im Dezember erhielt die Arbeitsgemeinschaft dafür einen mit 3000 Euro dotierten Preis im Rahmen eines Wettbewerbs der bundesweiten Initiative "Bündnis für Demokratie und Toleranz".
Auch das Bistum Mainz macht die Erinnerung an Schicksalen aus der Region fest. "Wir wollen den Gedenktag ein Stück weit erden", sagte Johannes Smykalla, Mitglied der Arbeitsgruppe "Gedenktag 27. Januar" des Bistums. Beim diesjährigen Oratorium im Dom der Landeshauptstadt stehen die Jüngsten unter den Opfern im Mittelpunkt: "Über 100 Kinder und Jugendliche wurden allein in Mainz zwischen 1939 und 1945 deportiert und in Konzentrationslagern ermordet", sagte Smykalla. Neben jüdischen Kindern seien darunter viele Sinti und Roma aus Mainzer Vororten gewesen.
"Wir wollen, dass der Gedenktag auch auf die junge Generation wirkt", erläutert Smykalla die diesjährige Schwerpunktsetzung: "Wir bringen den Jugendlichen die Schicksale ihrer Altersgenossen von damals näher. Mit denen können sie sich besser identifizieren." Bei dem Oratorium werden unter anderem Gedichte und Texte vorgestellt, die Kinder damals im KZ geschrieben haben.
Der Jugend widmen sich am Dienstag darüber hinaus auch die Politiker. Rund 70 Landtagsabgeordnete aller Parteien stellen sich an 52 Schulen in allen Teilen des Landes dem Gespräch mit den Schülern - unter dem Motto "Wider das Vergessen und für die Demokratie".
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