(naps/pm). Der diesjährige Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), der vom 24. bis 27. November 2004 im ICC Berlin stattfand, übertraf sämtliche Erwartungen der Veranstalter: Mehr als 4000 Teilnehmer, fast 500 Einzelveranstaltungen, 2000 wissenschaftliche Abstracts, 550 Seiten Programmheft, 56 Aussteller, 52000 Besucher im Internet, drei Pressekonferenzen. Vor allem setzte der Kongress bedeutsame Akzente. Ein richtungsweisender ist das "Nationale Programm zur Entstigmatisierung* psychischer Erkrankungen". Es steht unter der Schirmherrschaft von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt.
Die Initiatoren "Open the doors" und DGPPN riefen insbesondere Betroffene und Angehörige dazu auf, sich daran zu beteiligen. Dabei verwies Professor Wolfgang Gaebel, Vorsitzender Open the doors Deutschland, auf die Erfolgsgeschichte bisheriger Modellprojekte: "Sie haben gezeigt, dass Aufklärung und weitere Maßnahmen Vorurteile und Diskriminierung ganz erheblich verringern können. Mit diesem Programm wollen wir in den nächsten Jahren die Kräfte in Deutschland zu dieser Thematik bündeln." Zudem finden Initiativen, die sich aktiv für die Entstigmatisierung psychisch kranker Menschen und der Psychiatrie allgemein einsetzen, immer mehr Zuspuch. Manche erhalten neben einer ideellen Würdigung sogar eine Auszeichnung. So erhielt der Verein "Anti-Stigma-Kampagne Münster" auf dem Kongress den "Antistigma-Förderpreis" der DGPPN, zur Hälfte sponsoriert von Sanofi-Synthelabo. Die Vorsitzende, Linde Schmitz-Moormann, nahm die mit 6000 Euro dotierte Auszeichnung entgegen.
Trialog Forum Psychiatrie
Erstmals fand unter dem Dach der Fachgesellschaft ein "Trialog Forum Psychiatrie" mit Therapeuten, Betroffenen und Angehörigen statt. "Ansichten verrücken - Brücken bauen" lauteten die Schlüsselwörter der Diskussion. "Das ist möglich durch Information, Aufklärung und Begegnung", wusste die Journalistin und Koordinatorin des Vereins "Irrsinnig-Menschlich e.V.", Dr. Manuela Richter-Werling, aus der Praxis zu berichten. So erfahren Jugendliche, die sich an dem Schulprojekt "Verrückt? Na und!" beteiligen, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung in vielen Dingen genauso sind, wie sie selbst und dass sie in ihrer vorübergehenden Andersartigkeit akzeptiert werden möchten. Diplompsychologe PD Dr. Thomas Bock, Mitbegründer des Vereins "Irre menschlich Hamburg" e.V., erklärte dazu: "Eine Gesellschaft, die nicht auch ihre schwächsten Mitglieder als wichtig und notwendig wertschätzt, beraubt sich wertvoller Chancen. Verschiedenheit und Vielfalt sind Voraussetzungen für kreative Entwicklung." Auch der Hamburger Verein setzt sich dafür ein, psychische Erkrankungen in der Öffentlichkeit und im Unterricht zum Thema zu machen. Nach Auffassung von Thomas Bock geht es dabei "nicht um eine Imageverbesserung der Institution Psychiatrie". Diese doch etwas restriktive Ansicht dürfte strittig sein. Viele Themen in der Antistigma-Aufklärung lassen sich nur aus ihrem Zusammenhang erschließen. Zweifelsohne gehört auch die Enttabuisierung der heutigen Psychiatrie dazu.
Auf der Pressekonferenz verwies Kongresspräsident Wolfgang Maier darauf, dass der Diskriminierung psychisch Kranker am besten durch ein besseres Verständnis der Erkrankungen und durch Nachweis wirksamer Therapie entgegengewirkt werden kann. Er trat entschieden der Behauptung in populärwissenschaftlichen Publikationen entgegen, Menschen mit psychischen Problemen oder auffälligen Verhaltensweisen würden für psychisch krank erklärt, um so interessierten Kreisen - sprich Pharmazeutische Industrie oder Therapeuten - Behandlungsfälle zu schaffen. Eine klare Absage erteilte der Kongresspräsident auch der Auffassung, dass viele seelische Krankheiten "erfunden" seien. Dies verstärke nur noch die Ausgrenzung der Betroffenen.
Auch die stereotypische Vorstellung, im Gegensatz zu körperlichen könnten seelische Krankheiten nicht oder nur schlecht behandelt werden, ist falsch. Sowohl psycho- und sozialtherapeutische als auch medikamentöse Therapien wurden in den letzten Jahren immer zielgerichteter und erfolgreicher.
Versorgungssituation
Einen Mangel stellen die Experten in der Versorgungssituation fest: Seelische Erkrankungen werden - zum Beispiel bei Hausärzten - oft zu spät festgestellt oder von Betroffenen aus Angst vor Diskriminierung nicht offenbart. Ferner haben wissenschaftliche Studien gezeigt, dass die Behandlungsmaßnahmen oft unzureichend sind. Die Zahl der niedergelassenen Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie ist, gemessen am Bedarf, bei weitem zu niedrig, so dass viele Menschen nicht die Hilfe erfahren, die möglich wäre. Die Vernetzung mit Allgemeinmedizinern sowie mit ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten ist ebenfalls noch unzureichend. Im Allgemeinkrankenhaus werden viele Patienten - zum Beispiel mit Suchterkrankungen - wegen körperlicher Symptome therapiert, die Sucht jedoch nicht erkannt oder behandelt. Die Folge ist hier ein "Drehtüreffekt". Hingegen haben Ärzte für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde Behandlungsleitlinien und Qualitätssicherungsmaßnahmen eingeführt.
Für viele überraschend, aber wissenschaftlich längst gut belegt ist die Tatsache, dass Früherkennung nicht nur bei körperlichen, sondern genauso auch bei vielen seelischen Krankheiten hilft. Dabei gibt es oft schon Jahre vor dem "Krankheitsausbruch" unterschwellige Anzeichen auf ein erhöhtes Risiko, psychisch zu erkranken. Nicht zuletzt deswegen widmet sich die DGPPN verstärkt der öffentlichen Aufklärung.
Schülerkongress zu seelischen Krankheiten

Ein besonderes Novum stellte der Schülerkongress zu seelischen Krankheiten im Rahmen des DGPPN-Kongresses dar. Über 700 junge Menschen mischten sich zwischen Psychiater und Psychotherapeuten. Sinn der ersten Veranstaltung dieser Art war es, gerade junge Menschen auf die frühen Zeichen einer beginnenden psychischen Krankheiten hinzuweisen. Denn ähnlich wie bei körperlichen Krankheiten gibt es Symptome, die - rechtzeitig erkannt - gut behandelt werden können, womit dem "Ausbruch" einer ernsthaften psychischen Krankheit vorgebeugt werden kann. Der Schülerkongress hatte drei Themen zum Inhalt: Alkohol, Mobbing und Prüfungsangst.
Es wurde kein "Frontaluntericht" geboten. Vielmehr haben sich ganze Schulklassen intensiv auf die Diskussionen mit Experten vorbereitet. Eine Klasse hat zum Beispiel Interviews an ihrer Schule gemacht, wer Prüfungsängste hat. Bei der "Sitzung" zum Thema Mobbing hat eine Umfrage unter den Schülern im Saal gezeigt, dass sehr viele schon Opfer waren. Erstaunlicherweise haben einige auch zugegeben, selbst schon einmal Täter gewesen zu sein. Die Schüler aber haben sich darauf geeinigt, das Schweigen und Nichtstun die schlechteste Reaktion auf dieses Phänomen ist. Beim Thema Alkohol kamen besonders viele Fragen. Zum Beispiel: Sind 'Alkopops' wirklich so gefährlich?
Privatdozent Dr. Ulrich Voderholzer aus Freiburg, Mitorganisator des Schülerkongresses, fasste zusammen: "Ich finde es Klasse, wie sich die Schüler mit solchen Themen auseinander setzen - da soll noch mal jemand sagen, die jungen Menschen seien uninteressiert!" Nach dieser guten Erfahrung, so Voderholzer, wird sich die DGPPN ebenso wie andere Fachgesellschaften überlegen, wie man die Aufklärung über seelische Probleme und Risikofaktoren an Schulen weiter verstärken kann.
Besonders übte der DGPPN-Kongress eine starke Anziehungskraft auf Therapeuten und Wissenschaftler aus, die im Bereich psychischer Erkrankungen arbeiten. Er ist zum deutschsprachigen Kommunikationsmittelpunkt für Neuentwicklungen in der Therapie und Versorgung psychisch Kranker, für die Fort- und Weiterbildung der Therapeuten - auch für Hausärzte, und für kontroverse Diskussionen zu praktischen Behandlungsfragen geworden.
Immer klarer zeigt sich, so Professor Dr. Wolfgang Maier, dass sehr viele neurologische Erkrankungen wie z.B. Epilepsie, Parkinson oder Multiple Sklerose ganz wichtige psychiatrische Bezugserkrankungen haben. Umgekehrt psychiatrische Krankheitsbilder, die zwar traditionell dem psychiatrischen Bereich zugeordnet werden, wichtige neurologische Aspekte beinhalten. Dabei unterstrich der Kongress die Notwendigkeit, den Austausch zwischen Neurologen, Psychiatern und Psychotherapeuten zu intensivieren.
* Stigma
Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Wunde", aber auch "Kennzeichen" oder "Brandmal". Der amerikanische Soziologe Erving Goffmann hat 1963 in seinem Buch "Stigma - Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität" den Begriff allgemein auf die Herabminderung von Personen und deren Ausgrenzung zum Beispiel aufgrund einer Behinderung angewandt.
Link-Tipps
DGPPN-Kongress 2004
http://www.dgppn-kongress2004.de
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie,
Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)
http://www.dgppn.de
Kompetenznetz Depression
Bündnis gegen Depression
http://www.kompetenznetz-depression.de
Kompetenznetz Schizophrenie
http://www.kompetenznetz-schizophrenie.de
BASTA - Bayerische Anti Stigma Aktion
http://openthedoors.de
Anti-Stigma-Aktion München (ASAM)
http://psywifo.klinikum.uni-muenchen.de/open
Irrsinnig-Menschlich e.V.
Verein für Öffentlichkeitsarbeit in der Psychiatrie
http://www.irrsinnig-menschlich.de
Irre menschlich Hamburg e.V.
http://www.irremenschlich.de
Anti-Stigma-Kampagne Münster
http://www.trialog.sh
Anti-Stigma-Homepage von Ilja Ruhl
http://www.anti-stigma.de
Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE)
http://www.bpe-online.de
Familien-Selbsthilfe Psychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker (BApK)
http://www.bapk.de
Linksammlung Psychiatrie und Psychologie im Internet
http://www.epsy.de
Linksammlung "Psychiatrie" von Christian Laugwitz
http://www.chlaugwitz.de/psychlid.htm
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| Prof. Dr. med. Wolfgang Maier, Präsident des DGPPN-Kongresses 2004 (r.), und Justin Westhoff, Leiter der Pressekonferenz |
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| Professor Wolfgang Gaebel, Vorsitzender Open the doors Deutschland |
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| Linde Schmitz-Moormann vom Verein "Anti-Stigma-Kampagne Münster" |
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| PD Dr. Thomas Bock, Mitbegründer des Vereins "Irre menschlich Hamburg" e.V. |
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| Prof. Dr. med. Henning Saß zum Thema: "Sexualstraftäter - Wie und wo sollen sie behandelt werden?" |
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| Fotos: Hartig / Voderholzer |
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