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Von Michael Beumer
Berlin (ddp). Die Kinderarmut in Deutschland wird im nächsten Jahr nach Ansicht des Pädagogik-Professors Thomas Olk erheblich ansteigen. Eine Million Kinder und Jugendliche lebten derzeit an der Armutsgrenze, hinzu kämen ab Jahresanfang 2005 durch die "Hartz-IV"-Reform weitere 1,5 Millionen Kinder, sagte der Professor an der Universität Halle/Wittenberg am Wochenende. Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD) will eine höhere Geburtenrate durch einen Wechsel "von der Fixierung auf immer mehr Geldleistungen, hin zu einer Familienpolitik besserer Infrastrukturen" erreichen.
Olk ist Mitverfasser des "Kinderreports Deutschland 2004", den das deutsche Kinderhilfswerk am Montag in Berlin vorstellt. Der Professor erläuterte, wenn künftig 2,5 Millionen Kinder an der Armutsgrenze leben, sei jedes zehnte Kind in Deutschland von dieser Entwicklung betroffen. Der vorgesehene Kinderzuschlag werde die Situation nicht wesentlich entschärfen.
Die Kinderarmut in Deutschland ist laut Olk im Vergleich mit den Erwachsenen doppelt so hoch und der Anteil der jungen Sozialhilfeempfänger seit 1990 überdurchschnittlich angestiegen. Wachsende soziale Ungleichheit könne nur durch konsequente Investitionen in die ersten Lebensjahre bekämpft werden. Diese Jahre seien zwar für Kinder und Eltern die schwierigsten. "Aber dort werden die Weichen für Neugier, für die Entwicklung sozialer Kompetenzen gestellt - also für künftige Lebenschancen", betonte Olk.
Der Kinderforscher forderte "echte Unterstützung statt Sozialhilfe, wohnortnahe qualitativ hochwertige Betreuungs- und Erziehungseinrichtungen für die sozial Schwachen wie in England und Skandinavien. Dort würden die Eltern entlastet und Kinder gefördert. Eine solche familienergänzende Kinderbetreuung rechne sich auch volkswirtschaftlich, sagte Olk. Sie ermögliche den Eltern bessere Erwerbschancen, was sowohl zu mehr Steuereinnahmen als auch zu einer Entlastung bei den Aufwendungen für Sozialhilfe führe.
Schmidt will mit einer "bevölkerungsorientierten Familienpolitik" die Geburtenrate mittelfristig wieder steigern, zitiert die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" aus einem Papier, dass die Ministerin am Montag in Berlin vorstellen will. Darin werde vorgeschlagen, das im internationalen Vergleich unzureichende Betreuungsangebot für Kleinkinder auszubauen. In Deutschland müssten Frauen im Vergleich zu anderen Staaten extrem lange wegen der Kinderbetreuung aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden.
Die gesetzliche Elternzeit soll von derzeit drei auf ein Jahr verkürzt werden, heiße es in dem Papier. Anders als bisher sollte in dieser Zeit aber ein Erziehungsgeld in Abhängigkeit vom vorigen Nettolohn gezahlt werden. Das Papier sei gemeinsam mit dem Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski, und dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erarbeitet worden, schreibt die Zeitung weiter.
In einer Umfrage des Mannheimer Instituts Ipos beklagten 80 Prozent der Eltern und 74 Prozent der Kinderlosen, dass das Großziehen von Kindern als Lebensleistung in Deutschland "nicht ausreichend" Wertschätzung erfahre. Die große Mehrheit (83 Prozent) sei zudem der Ansicht, dass die Deutschen sich vor allem wegen finanzieller Sorgen scheuen, Eltern zu werden.
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