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Von ddp-Korrespondentin Susanne Donner
Passau (ddp). Die Freude der Eltern über ein erstes "Papa" oder "Mama" aus dem Munde ihres Sprösslings ist riesig. Das Ereignis wird sorgfältig im Babytagebuch notiert. Doch dann, zunächst unbemerkt, gerät die Sprachentwicklung des Kindes ins Stocken. Es spricht auch mit zwei Jahren kaum mehr als zwei Dutzend Wörter und fällt schließlich immer weiter hinter die anderen Kinder zurück. Es leidet unter einer Sprachentwicklungsstörung.
Ungefähr jedes fünfte bis zehnte Kind ist davon betroffen. Heute mehr als früher, wie einige Untersuchungen belegen. "In einer Studie in Sachsen konnte ein Anstieg von 16 auf 21 Prozent bei Kindern im Vorschulalter im Verlauf von fünf Jahren festgestellt werden", sagt Ulrike de Langen-Müller, Sprachtherapeutin und Öffentlichkeitsreferentin des Deutschen Bundesverbandes der akademischen Sprachtherapeuten. Im Umfeld sozialer Brennpunkte soll der Anteil sprachgestörter Kinder sogar bis zu 34 Prozent betragen.
"Sprache kommt in der Gesamtentwicklung des Kindes eine sehr große Bedeutung zu. Sprachgestörte Kinder haben es im Kindergarten, in der Schule und später auch im Berufsalltag schwer", führt de Langen-Müller aus. Das Verarbeiten von Sprache, zu dem auch Lesen und Schreiben zählen, müsse im Medienzeitalter zuverlässiger denn je funktionieren. Dadurch nehme die Gesellschaft Sprachstörungen bewusster wahr. Um so wichtiger sei es, diese auch zu behandeln.
"Nicht jede lautliche Entstellung eines Wortes ist allerdings gleich eine Sprachstörung. Viele davon sind im Laufe des Spracherwerbs völlig normal", beruhigt de Langen-Müller. Ein Kind im Säuglingsalter stößt zum Beispiel Laute hervor, die in der Muttersprache gar nicht vorkommen. "Es entdeckt quasi die Kiefer- und Gaumenmuskulatur und spielt damit", erläutert die Therapeutin.
Im Alter von sechs bis neun Monaten sprudeln häufig Silbenwiederholungen aus dem Mund des Kindes. Es tauchen dann mit etwa einem Jahr erste Wörter auf, die in ihrer Bedeutung den Stellenwert eines Satzes einnehmen. Zum Beispiel ruft der Kleine "Papa!" und die Mutter weiß anhand der Betonung und der Situation genau, dass damit "der Papa kommt nach Hause" gemeint ist. In dieser Zeit können Kinder trotzdem noch nicht alle Laute hervorbringen. Aus "Kakao" wird "Tatao" oder "Reißverschluss" schrumpft zu "Leiderluss". Spätestens im Alter von vier bis fünf Jahren sollten Kinder jedoch alle Laute aussprechen und auch grammatikalisch komplexe Sätze bilden können, so ein grober Richtwert laut de Langen-Müller.
"Von gestörter Sprachentwicklung sprechen wir, wenn es zu deutlichen Verzögerungen und anders verlaufender Entwicklung kommt", erklärt der Landesverband der Eltern und Förderer sprachbehinderter Kinder und Jugendlicher. Wenn ein dreieinhalbjähriges Kind für Außenstehende nicht zu verstehen ist oder ein zweijähriges einen Wortschatz von weniger als 50 Wörtern benutzt, dann sind dies Alarmsignale. Hat das Kind Probleme, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen, ist das auch ein sicheres Zeichen für die Eltern, den Ursachen auf den Grund zu gehen.
"Es ist sehr wichtig, dass Eltern, die beunruhigt sind, sich auch wirklich beraten lassen. Denn besorgte Eltern kommunizieren anders. Die Kinder spüren die Sorge der Erwachsenen, und das stört die Sprachentwicklung häufig nur noch mehr", berichtet die Sprachtherapeutin aus ihrer Erfahrung. Das Gehör des Kindes sollte durch den Kinderarzt oder einen Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten geprüft werden, weil schlechtes Hören das Verstehen von Sprache und damit das Sprechvermögen behindert. Allerdings beruht die Sprachentwicklungsstörung nicht immer auf einer organischen Ursache. Und leider vertrösten viele Ärzte besorgte Eltern mit einem: "Das wird schon - er ist doch erst vier".
Je früher betroffene Kinder eine Sprachtherapie bekommen, desto besser sind die Erfolgschancen. "Die wesentliche sprachliche und daher auch die grammatikalische Entwicklung spielt sich im Alter von ein bis drei Jahren ab", sagt de Langen-Müller. Logopäden und Sprachtherapeuten können diese entscheidende Phase fördern.
In einer Sprachtherapie wird spielerisch der Umgang mit Sprache gefördert. Dazu gehört, dass die Eltern lernen, ihrem Kind aktiv zuzuhören. Sagt das Kind "Tür auf", sollten sie dem Blick des Kindes folgen und die offene Tür in ihr Handeln und Sprechen einbeziehen.
Auch das Nachsprechen dessen, was das Kind sagt - allerdings in korrekter Aussprache -, gehört zu den Methoden, den Spracherwerb zu fördern. Nach einem fröhlichen "Leiderluß auf" sollte der Erwachsene lobend wiederholen: "Ja, du hast den Reißverschluss aufgemacht." Das Kind sollte jedoch weder getadelt noch dazu gezwungen werden, in korrekter Aussprache nachzusprechen.
Über solche Techniken hinaus empfehlen Sprachtherapeuten für den Alltag vor allem Lieder, Verse und das gute alte Bilderbuch. Gemeinsam Bilder gucken, dem Gebrabbel des Kindes zuhören, dem Zeigefinger der Kleinen folgen und darauf eingehen. Oder einfach gesagt: Zeit für die Kinder nehmen statt sie Fernsehen lassen.
Weiterführende Informationen
BÜCHER
Otto Braun: Sprachstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Diagnostik-Förderung, Kohlhammer-Verlag 2002, ISBN: 3170131885, 27 Euro
Wolfgang Wendland: Sprachstörungen im Kindesalter. Materialien zur Früherkennung und Beratung, Thieme Verlag Stuttgart 2000, ISBN: 3137785049, 29,95 Euro
INTERNET
Deutsche Liga für das Kind. Zusammenschluss von Verbänden und Institutionen zur Förderung der seelischen Gesundheit der Kinder: www.liga-kind.de
Hintergrundinformationen von der Sprachentwicklung bis zur Therapie von Sprachentwicklungsstörungen: www.sprachheilberater.de
Informationsbroschüren der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik:
www.dgs-ev.de
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