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11.10.04

Ungehörte Hilferufe

ddp
Warum eine Polizeibeamtin aus Furcht vor dem Teufel einen Menschen tötete

Von ddp-Korrespondent Markus Peters

Bonn (ddp-nrw). Nein, der Teufel sollte ihren Sohn nicht bekommen. «Du gewinnst nicht! Mutterliebe ist stärker als das Böse», dachte Sandra K., als sie am 10. Oktober 2002 in der Euskirchener Herz-Jesu Kirche die Hände um den Hals der Hausfrau Liesgerte T. legte und zudrückte.

Seit Montag muss sich die 36-jährige Polizeibeamtin wegen Totschlags vor dem Bonner Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft will Sandra K. auf Dauer in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht wissen. Sie fürchtet, dass die Angeklagte aufgrund ihrer psychischen Erkrankung weiter eine Gefahr ist.

In einem halbstündigen Monolog schilderte Sandra K. vor Gericht die Ereignisse vor dem Verbrechen, mit der Gelassenheit eines Menschen, der viel über seine Tat nachdenken konnte. Nur wenn das Gespräch auf ihren Sohn kommt, ringt sie mit den Tränen.

Die 36-Jährige ist eine schmächtige Frau mit kurzen, aschblonden Haaren. Gewiss ist Sandra K. einmal hübsch gewesen, doch heute haben die Narben und Verbrennungen einer Krebs-Therapie in ihrem Gesicht tiefe Spuren hinterlassen. Mit der Erkrankung an Schilddrüsenkrebs begann ein Weg, der die alleinerziehende Mutter nun vor das Bonner Landgericht führt. Schon nach der Geburt ihres Kindes leidet sie an Depressionen und schweren Erschöpfungszuständen; Beschwerden, die während der Krebstherapie noch zunehmen. Sie fängt an, Stimmen zu hören, wird gequält vor Angst um ihren Sohn.

Mehrfach sucht sie in den Tagen vor der Tat erfolglos ärztliche Hilfe, weil sie sich vor Panikattacken und den «Stimmen» fürchtet. Schließlich wird sie in ein Euskirchener Krankenhaus aufgenommen, wo die Situation jedoch eskaliert. Sie hört Stimmen, die ihr einreden, ihr Sohn solle von Satansjüngern dem Teufel geopfert werden. Ein Kruzifix im Krankenzimmer ist ihr ein Zeichen Gottes, ihren Sohn und die Menschheit zu retten.

Sie flieht aus dem Krankenhaus, wendet sich an Passanten, fleht sie an, mit ihr das «Vater Unser» zu beten. Schließlich läuft sie in die Herz-Jesu-Kirche. Dort wirft sie Gebetbücher in das Weihwasserbecken, um sie vor dem Satan zu retten. In ihren Visionen sieht sie ihren Sohn auf dem Opfertisch der Satanisten.

Schließlich betritt Liesgerte T. die ansonsten leere Kirche. Sandra K. vermutet in der dunkel gekleideten 48-Jährigen eine Abgesandte des Teufels - und die Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten. Sie ringt die Frau nieder und setzt sich auf sie, schließlich macht sie das, was sie gelernt hat: Sie wendet den Polizeigriff «Richard» an, bei dem gleichzeitig beide Halsschlagadern des Opfers abgedrückt werden. Augenblicke später ist Liesgerte T. tot.

Als die Angeklagte schildert, wie sie die Tote anschließend mit Weihwasser wäscht und ihr auch Weihwasser einflösst, um sie von dem Bösen zu reinigen, beginnen die Angehörigen des Opfers im Zuschauerraum zu zittern.

Sandra K. wird noch in der Kirche festgenommen. Seitdem ist sie in der Rheinischen Landesklinik untergebracht. Was den religiösen Wahn der ansonsten nicht besonders gläubigen Frau verursacht hat, lässt sich nicht mehr eindeutig rekonstruieren. Vielleicht war es das Wiedersehen mit einer alten Bekannten, wenige Tage vor der Tat. Die Frau hatte sich den Zeugen Jehovas zugewandt, einer Glaubensrichtung, in der auch der Teufel seinen festen Platz hat.

Sandra K. hat heute anscheinend den Krebs besiegt. Zweimal in der Woche darf ihr heute dreijähriger Sohn sie in der Landesklinik besuchen. Im Polizeidienst ist sie offiziell immer noch. Am Dienstag will das Bonner Landgericht sein Urteil verkünden.


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