Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe

Startseite Rubrik: Meldung vom Tage aktualisiert 10.02.2005


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13.08.04
Im Gespräch
lpe mv

Ricarda Fleischhauer mit Prof. Dr. med. Sabine Herpertz




Der kleine
Lichtblick
Im Gespräch: Ricarda Fleischhauer mit Prof. Dr. med. Sabine Herpertz


Im Gespräch: Ricarda Fleischhauer mit Prof. Dr. med. Sabine Herpertz (Foto: Holger Hollerbaum)


Am 16. Juni 2004 traf sich Ricarda Fleischhauer (2. Vorsitzende, Landesverband Psychiatrie-Erfahrene M-V e.V., LPE M-V) mit Frau Prof. Dr. med. Sabine Herpertz, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Rostock, zu einem Interview in dem Klinikum Rostock/Gehlsheim.


Frau Ricarda Fleischhauer: Bei nicht wenigen Menschen, die psychisch krank sind, besteht die Angst, in die Klinik zur Behandlung zu müssen. Was sagen Sie diesen Patienten?

Frau Prof. Dr. S. Herpertz: Ich weiß, dass seelische Erkrankungen bis heute immer noch stigmatisiert werden. Und deswegen weiß ich natürlich auch um die Sorge und die Angst, die mit einer psychiatrischen Behandlung verbunden ist, gerade auch bei Patienten, die zum ersten Mal in stationäre Behandlung kommen. Wichtig ist es meiner Meinung nach, den Patienten zu verdeutlichen, dass ein Mensch, der an einer Psychose, Depression oder an einer schweren Angststörung erkrankt ist, genau so fach-ärzt-licher Hilfe bedarf wie ein Patient mit einem Herzinfarkt. Diese fachärztliche Hilfe wird, je nach Schweregrad der Erkrankung, durch eine stationäre Behandlung ergänzt. Ich versuche also zu verdeutlichen, dass es sich um nichts grundsätzlich anderes handelt. Eine stationäre Aufnahme ist ja auch nur dann sinnvoll, wenn der Betroffene nicht mehr in der Lage ist, dem Stress am Arbeitsplatz, im Alltag in der Familie, standzuhalten. Gerade dann kann es hilfreich sein, in eine Atmosphäre zu kommen, die primär stressarm ist und die Möglichkeit bietet, sich jederzeit an Schwestern und Ärzte zu wenden, um akute Probleme zu besprechen. In der speziellen Situation, wo Suizidalität vorliegt, ist es wichtig den Patienten zu informieren, dass es sich um eine Station mit geschlossenen Türen handelt, wo man nicht einfach hinausgehen kann.


Frau Ricarda Fleischhauer: In der geschlossenen Station P2 waren früher nur Frauen untergebracht. Seit mehr als einem Jahr ist die Station gemischt. Hat sich das bewährt und wenn ja, wo liegen Ihrer Meinung nach die Vorteile?

Frau Prof. Dr. S. Herpertz: Ich glaube, dass sich das bewährt hat. Die Überlegung war, dass wir dadurch die Möglichkeit bekommen, auch die geschlossenen Stationen so wie die anderen Stationen unserer Klinik mehr störungsspezifisch zu gestalten, also dass jetzt auf der P2 Patienten mit psychotischen Erkrankungen behandelt werden, während auf der Station P1 Patienten mit Suchterkrankungen oder mit akuten Lebenskrisen, die mit Suizidalität einhergehen, behandelt werden. Durch eine etwas bessere personelle Besetzung können wir inzwischen auf der P2 Psychoedukationsgruppen anbieten oder auch Teile eines psychologischen Therapieprogramms, während wir auf der P1 eine Motivationsgruppe für Suchtpatienten anbieten. Ich finde es auch wichtig, dass psychiatrische Stationen so normal wie möglich sind, also auch ohne Geschlechtertrennung. Auf allen Stationen in der Inneren und in der Chirurgie - überall werden Frauen und Männer gemeinsam behandelt.


Frau Ricarda Fleischhauer: Ein neues Angebot Ihrer Klinik seit letztem Herbst bezieht sich auf die Angehörigen von psychisch Kranken. Ärzte, Sozialarbeiter und Betroffene klären über die Krankheit auf und bieten Informationen. Wie ist dieses Angebot angenommen worden und inwieweit profitieren davon auch die eigentlich Betroffenen, die psychisch Kranken?

Frau Prof. Dr. S. Herpertz: Wir sind jetzt beim zweiten Durchgang dieses Angebots, und bisher sind die Informationsgruppen für Angehörige gut angenommen worden. Beim ersten Kurs waren z.B. 20 Angehörige dabei, lediglich zwei blieben im weiteren Kursverlauf fern. Die Angehörigen haben das Angebot als sehr hilfreich erlebt, sie sind jetzt besser über die Erkrankung informiert. Schuldzuweisungen des Familienkreises gegenüber dem Kranken nach dem Motto: "Du musst dich mehr zusammenreißen!" sind leider nicht selten. Durch das bessere Verständnis für die Krankheit bemerken die Angehörigen, dass es jetzt wichtig ist, den jeweiligen Beziehungsstil anzupassen. Das heißt: weder vorwurfsvoll noch mit heftigen Gefühlen auf den anderen zuzugehen, sondern eine verständnisvolle und möglichst ruhige Haltung einzunehmen. Für manchen Angehörigen war es auch wichtig, auf Gleichbetroffene zu stoßen und Erfahrungen auszutauschen.


Frau Ricarda Fleischhauer: Gibt es neue Erkenntnisse bezüglich der Behandlung von Psychosen und Depressionen?

Frau Prof. Dr. S. Herpertz: Wichtig sind psychoedukative Ansätze, die man inzwischen nicht mehr begrenzt auf Psychosen, sondern in ähnlicher Form auch entwickelt hat für depressiv Kranke und bipolare Erkrankungen. Der zweite Punkt ist, dass sich gerade bei den psychotischen Erkrankungen medikamentös einiges getan hat im Sinne von Neuentwicklungen, die eine Besserung der Nebenwirkungen und eine verstärkte Einflussnahme auf nichtakute Behandlungsstadien gewährleisten. Bei psychotischen Erkrankungen ist es oftmals nur eine kurze Zeitspanne, in der man unter Wahn leidet oder Stimmen hört. Häufig dauert es dann noch einige Wochen oder gar Monate, bis man sich nicht mehr kraftlos, traurig und initiativlos fühlt. Die neueren Neuroleptika können hier bereits sehr viel bewirken.


Ricarda Fleischhauer: Auf diesem Gebiet wird bestimmt viel geforscht, oder?

Frau Prof. Dr. S. Herpertz: Ja, ein Problem der neuen Medikamente liegt im Bereich der Veränderung des Stoffwechsels, z.B. das Problem der Gewichtszunahme. Und das ist ein Problem, was man gut nachvollziehen kann. Aus diesem Grund muss weiterhin sehr viel getan werden, damit wir wirklich Medikamente erhalten, die dieses Problem eindämmen. Es gibt Patienten, die, weil sie von einer starken Gewichtszunahme betroffen sind, von sich aus die Dosis der Tabletten verringern, und auch das kann man nachvollziehen. Aus diesem Grund setzen wir auch wieder Medikamente ab. Fünf Kilogramm scheinen vielleicht noch akzeptabel, aber darüber hinaus kann Gewichtszunahme ein Absetzgrund sein.


Frau Ricarda Fleischhauer: Was halten Sie eigentlich von den Depotspritzen?

Frau Prof. Dr. S. Herpertz: Es gibt jetzt das erste Depotpräparat aus der Reihe der neuen Medikamente. Wir machen die Erfahrung, dass es eher weniger Nebenwirkungen hat, als wenn man das gleiche Präparat als Tablette einnimmt. Außerdem hat man den Vorteil, dass man 14 Tage nichts mit regelmäßiger Tabletteneinnahme zu tun hat. Manche haben auch Hemmungen, z.B., wenn sie arbeiten gehen, das Medikament am Arbeitsplatz einzunehmen.


Frau Ricarda Fleischhauer: Wie sieht die zukünftige Klinik in Rostock/Gehlsheim aus?
Sind neue Projekte geplant oder schon angegangen?

Frau Prof. Dr. S. Herpertz: Seit Januar existiert bei uns eine Institutsambulanz. Das ist ein zusätzliches Angebot zur Poliklinik für schwerkranke Patienten. In dieser Institutsambulanz gibt es spezielle Sprechzeiten für psychotische Patienten und für Menschen mit affektiven Erkrankungen, die also auch eine Vorbeugung brauchen. Und es gibt auch eine Sprechstunde für Patienten mit Persönlichkeitsstörungen, für Patienten mit ADHS und Gedächtnisstörungen. Ab dem Sommer bieten wir eine Sprechstunde für autistische Patienten an. Das war eine Anregung der Angehörigenverbände. Nach deren Meinung ist die Versorgung hier im Nordosten für diese Patienten nicht ausreichend. Eine weitere Neuheit ist - gerade im Aufbau - ein Gruppenangebot für Angstpatienten. Für alle psychischen Erkrankungen wollen wir in unserer Institutsambulanz Gruppentherapieangebote machen. Das alles sind Angebote, die gedacht sind für die Phase nach dem Klinikaufenthalt. Denn wir hören oft von Patienten, dass die Phase nach einem stationären Aufenthalt schwer für sie ist. Des Weiteren sind wir sehr bemüht, dass an diesen Standort eine Tagesklinik entsteht, für spezielle Patientengruppen, nämlich für Patienten, die schwer und chronisch erkrankt sind, einmal im Sinne von psychotischen Erkrankungen und zum anderen bei Menschen mit Persönlichkeitsstörungen. Wir wollen auch insbesondere Patienten aufnehmen, die zusätzlich eine Suchterkrankung haben. Gerade in meinem ersten Jahr als Klinikleiterin habe ich gesehen, dass es diese Patienten schwer haben. Denn bei ihnen ist die Sucht häufig ein Ausschlussgrund für die Aufnahme in eine "normale" Tagesklinik. Das sind aber Patienten, die häufig, auch wenn sie eine Psychose haben, ungern lange in die Klinik kommen. Und deshalb wollen wir so ein Angebot speziell für solche Suchtpatienten bieten. Das weitere Vorhaben ist, dass wir eine spezielle Station für gerontopsychiatrische Patienten einrichten wollen. Wir haben jetzt eine ambulante Sprechstunde für sie, auch einschließlich der Beratung von Angehörigen. Übrigens kommen auch die Stationen P3, P4, P5 und P6 räumlich in den Neubau mit hinein, und darauf freuen wir uns schon sehr.


Frau Ricarda Fleischhauer: Psychische Erkrankungen haben seit der Wiedervereinigung zugenommen. Worauf führen Sie das zurück?

Frau Prof. Dr. S. Herpertz: Die psychischen Erkrankungen, so haben es Daten ergeben, haben sowohl im Osten als auch im Westen zugenommen. Es gibt sogar Studien, welche belegen, dass die Menschen im Osten psychisch etwas gesünder sind als die im Westen. Dass eine Zunahme zu verzeichnen ist, hat wohl damit zu tun, dass der Stress auf der Arbeit sehr zunimmt. Viele Menschen sind arbeitslos, was für diese ein höheres Risiko bedeutet, psychisch zu erkranken. Das andere sind längere Entwicklungen: dass Familie und Partnerschaften nicht mehr so stabil sind, wie sie es einst waren. Früher lebten mehrere Generationen zusammen, besonders in der ehemaligen DDR war das mehr verbreitet. Dadurch nimmt die Vereinsamung, gerade älterer Menschen, sehr zu. Aber auch die Geschiedenen und Alleinerziehenden vereinsamen.


Frau Ricarda Fleischhauer: Was würden Sie sich wünschen, damit diese Tendenz,
dass psychische Erkrankungen immer mehr zunehmen, gestoppt wird?

Frau Prof. Dr. S. Herpertz: Fakt ist, und das zeigen Studien auch, dass psychische Erkrankungen viel zu spät erkannt werden. Beispielsweise müsste es in der Primärversorgung, d.h. in der Hausarztversorgung so sein, dass dort seelische Erkrankungen schneller erkannt und auch behandelt werden. Bei schweren Fällen müsste dann zum Psychiater überwiesen werden. Es wirft sich natürlich auch die Frage auf, was man gesellschaftlich tun kann, damit es erst gar nicht zu psychischen Erkrankungen kommt. Ich stelle mir das schwierig vor, gerade in der heutigen wirtschaftlichen Situation. Ich denke aber, dass es wichtig ist, dass es in großen Firmen einen betriebsärztlichen Dienst, vielleicht auch psychologische Dienste gibt, an die sich Arbeiter und Angestellte wenden können, wenn sie seelische Probleme haben, wenn sie sich überfordert fühlen. Und was ich ganz wichtig finde, dass psychisch Kranke ins Arbeitsleben integriert werden sollten. Die Tendenz ist momentan eher so, dass dieser Personenkreis doch relativ schnell berentet wird bzw. in die Arbeitslosigkeit gerät.

Frau Ricarda Fleischhauer: Frau Professor Herpertz, vielen Dank für dieses Gespräch und
beste Wünsche für die weitere Entwicklung der Klinik.

DER KLEINE LICHTBLICK LPE M-V e.V. Mit freundlicher Genehmigung
DER KLEINE LICHTBLICK
Nr. 1 / Juli 2004

Herausgeber:
Landesverband Psychiatrie-Erfahrene
Mecklenburg-Vorpommern e.V.
(LPE M-V e.V.)

Henrik-Ibsen-Straße 20
18106 Rostock

Tel./Fax: 0381 - 76 80 214
E-Mail: LPE.M-V@web.de

Redaktion/Layout: H. Hollerbaum
Fotos: H. Hollerbaum, N. Kißhauer, R. Zülke



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