Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe

Startseite Rubrik: Meldung vom Tage aktualisiert 22.06.2004


Übersicht "Meldung vom Tage"

09.05.2004
Autorenfilmer mit Eigensinn und Visionen
ddp

Hans Weingartners Film «Die fetten Jahren sind vorbei»

läuft im Wettbewerb von Cannes


Von ddp-Korrespondent Reinhard Kleber

Berlin (ddp). Wenn am Dienstag in Cannes das wichtigste Filmfestival der Welt beginnt, dann richten sich die Blicke der deutschen Filmbranche auf einen Mann: Hans Weingartner. Mit seinem Film «Die fetten Jahre sind vorbei» ist Deutschland erstmals nach zehn Jahren im Wettbewerb des glamourösen Filmschaulaufens vertreten. Der in Berlin lebende Österreicher erzählt in der deutsch-österreichischen Koproduktion von drei jungen Idealisten, die die Welt verändern wollen und sich in waghalsige Aktionen gegen das Establishment stürzen. Die Hauptrollen spielen Julia Jentsch, Stipe Erceg und Daniel Brühl.

Nach der Bekanntgabe der Nominierung war Weingartner für Journalisten praktisch nicht mehr zu erreichen. Der 1970 in Feldkirch geborene Filmemacher hatte sich zum letzten Filmschliff nach Wien zurückgezogen und ließ im Internet verlauten, er sei «überglücklich».

Dass Weingartner sich im Wettlauf der deutschen Aspiraten gegen Altmeister Volker Schlöndorff und andere prominente Regisseure durchsetzen konnte, kommt für Branchenkenner nicht überraschend. Schon mit seinem Debütspielfilm «Das weiße Rauschen» hat er eine markante Duftmarke gesetzt. Die ambitionierte Low-Budget-Studie über einen jungen Schizophrenen, der schrittweise aus der Welt der 'Normalen' abdriftet, offenbarte vor drei Jahren einen klaren Stilwillen und wurde mit Preisen überhäuft: Er gewann unter anderem den Max-Ophüls-Preis und den Preis des Verbandes der Filmkritik für den besten Debütfilm.

Während viele deutschsprachige Jungfilmer in ihren Debütarbeiten vor allem Liebeskummer und andere private Erlebnisse verarbeiten, merkt man dem 33-Jährigen Österreicher eine gutes Stück Lebenserfahrung an. Bis zum Diplom 1997 hat er sechs Jahre in Wien und Berlin Gehirnforschung studiert und 1993/94 eine Ausbildung zum Kamera-Assistent absolviert. Das sperrige Filmthema Schizophrenie ist ihm nahe gerückt, weil er mit einem solchen Krankheitsfall in der Familie konfrontiert war.

«Das weiße Rauschen» entstand als Abschlussfilm an der Kunsthochschule für Medien Köln. Im Windschatten der Dogma-Welle experimentierte Weingartner mit digitalen Kameras und entwickelte Dialoge und Szenen erst während der Dreharbeiten. Die ausgiebigen Improvisationen mit jungen Schauspielern führten zu mehr als 100 Stunden Bildmaterial - sämtliche Filmprofis schüttelten nur den Kopf. Ein Jahr verbrachte der arme Kerl im Schneideraum. Jetzt gab er in einem Interview des Fachblatts «Filmecho» zu: «Der Schnitt war extrem kräfteraubend, weil ich mich oft um einen Schnittplatz raufen musste.» Allen Problemen zum Trotz schaffte es der eigensinnige Autorenfilmer, seine Vision zu verwirklichen.

Nach ähnlichem Muster, aber wesentlich professioneller organisiert, drehte er im Sommer 2003 in Berlin und Tirol auch sein zweites Werk - und improvisierte erneut. «Es sollte wieder ein Schauspielerfilm werden», so Weingartner, «die Schauspieler haben bei mir große Freiräume, denn ich baue die Struktur des Drehs nach ihren Bedürfnissen.» Als größtes Regie-Vorbild nannte er vor vier Jahren den Amerikaner John Cassavetes. Eine Maxime von ihm begleitete damals den Dreh von «Das weiße Rauschen»: «Die Kamera muss sich nach den Schauspielern richten und nicht die Schauspieler nach der Kamera!»

Bescheiden zeigt sich Weingartner, wenn es um die Chancen im Rennen um die Cannes-Palme geht: «Ich stehe nicht unter Druck, einen Preis gewinnen zu müssen, weil die Teilnahme allein schon eine Riesenauszeichnung ist - vor allem auch, weil es erst mein zweiter Film ist. Ich lasse die Dinge auf mich zukommen.»


Copyright © ddp
Wiederveröffentlichung oder Verbreitung der Inhalte dieser Seite nur
mit ausdrücklicher schriftlicher Zustimmung der Nachrichtenagentur ddp.




Übersicht "Meldung vom Tage"

Hier können Sie unseren Newsletter mit Neuigkeiten aus Psychiatrie, Soziales und Selbsthilfe bestellen!


RUBRIK
Meldung vom Tage

nach oben | E-Mail | Startseite  | Newsletter | Impressum |


nach oben Kontakt Startseite