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Von ddp-Korrespondentin Dagmar Thiel
Berlin/Bonn (ddp). Als Thea Kuhn eines Morgens in die Küche kam, begrüßte ihr Mann Walter sie erfreut: "Schön, dass Sie da sind. Meine Frau hat mich heute verlassen." Dass eben diese vor ihm stand und ihn seit langem pflegte, hatte er nach über 50 Ehejahren vergessen: Diagnose Alzheimer.
In Deutschland leiden nach Schätzungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft etwa 1,1 Millionen Menschen an einer Form von Demenz. Zwei Drittel von ihnen haben die 1906 von dem Nervenarzt Alois Alzheimer erstmals beschriebene Krankheit. "Die Zahl der Erkrankungen nimmt zu, weil wir immer älter werden", sagt Helga Schneider-Schelte, Leiterin des Alzheimer-Telefons bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. In den nächsten 40 Jahren wird sich die Zahl der Kranken voraussichtlich auf etwa zwei Millionen Menschen verdoppeln.
Zwei Drittel der Alzheimer-Patienten werden in der Familie betreut. Pflegende Angehörige sind überwiegend weiblich: Ehefrauen, Töchter und Schwiegertöchter. Sie werden hierbei extrem beansprucht, suchen sich aber viel zu selten professionelle oder private Unterstützung. "Ohne Hilfe geht es aber nicht", sagt Helga Schneider-Schelte. Im Durchschnitt dauere die Pflegezeit eines Alzheimer-Patienten acht bis neun Jahre. Die Gefahr sei sehr groß, dass pflegende Angehörige wegen der starken seelischen und körperlichen Belastung selbst schwer erkranken. "Pflegende Angehörige Demenzkranker sind stark Mitbetroffene. Die häusliche Pflege wird auch als 36-Stunden-Tag bezeichnet", sagt Schneider-Schelte.
Welche Belastungen das Leben mit einem Alzheimer-Patienten mit sich bringt, weiß auch Thea Kuhn aus dem westfälischen Ahlen: War sie kurz aus dem Haus, rief ihr Mann sämtliche Bekannten an, um sich über seine Frau zu beschweren. "Nachts stellte er die Herdplatten an, wanderte ständig umher, wurde selbst bei Kleinigkeiten immer aggressiver", sagt die heute 80-Jährige, die ihren Mann bis zu dessen Tod gepflegt hat.
Viele Angehörige tun sich schwer, offen mit Alzheimer umzugehen. Oft verzichten Pflegende aus Scham auf Hilfe. Dabei ist diese nach Erfahrung von Fachleuten unverzichtbar. "Keinem hilft es weiter, wenn sich Angehörige für die Pflege völlig aufreiben und jegliche persönlichen Bedürfnisse zurückstellen. Spätestens dann ist eine gesunde Portion Egoismus gefragt", sagt Monika Wohlert von der Deutschen Seniorenliga. "Hilfreich ist es, bereits zu Beginn der Erkrankung ein Netzwerk aus Familienmitgliedern und Freunden aufzubauen", rät Wohlert: Der Enkel, der regelmäßig den Kranken zu einem Spaziergang abholt, die Freundin, die einmal in der Woche für die ganze Familie kocht, oder der Nachbar, der hin und wieder die Einkäufe erledigt. Wohlert rät: "Erstellen Sie am besten gemeinsam mit allen Beteiligten einen Pflege- und Betreuungsplan, der jedem Helfer Freiräume ermöglicht."
Wer nicht auf ein privates Netzwerk an Helfern zurückgreifen kann, sollte sich an die Wohlfahrtsverbände wenden. In vielen Organisationen bieten ehrenamtliche Mitarbeiter Hilfeleistungen und Besuchsdienste an. Ansprechpartner finden Betroffene auch in Selbsthilfe- und Angehörigengruppen von Alzheimer-Organisationen.
"Sich Hilfe zu holen, ist oft auch ein finanzielles Problem", sagt Helga Schneider-Schelte. Denn bislang zahlt die Pflegeversicherung nicht, wenn ein Erkrankter täglich weniger als 45 Minuten Hilfe bei der Grundpflege, also zum Beispiel beim Waschen oder Essen, benötigt. "Zwar ist ein Alzheimerpatient zu Beginn der Erkrankung meist in der Lage, die Grundpflege selbst zu leisten. Trotzdem müssen Angehörige rund um die Uhr nach ihm schauen und zum Beispiel aufpassen, dass er nicht einfach orientierungslos aus dem Haus läuft", sagt Schneider-Schelte. Hier setzt die Reform der Pflegeversicherung an. Ab 1. Juli 2008 erhalten auch Demenzkranke, denen noch keine Pflegestufe zuerkannt wurde, Leistungen von bis zu 200 Euro monatlich. Voraussetzung ist, dass ein Gutachter ihnen einen erhöhten Betreuungsbedarf bescheinigt hat.
Für die Angehörigen bedeutet die Alzheimer-Erkrankung eines Familienmitgliedes eine große Herausforderung. Pflegende brauchen sehr viel Geduld, weil Demenzkranke in ihrer eigenen Welt leben. Patentlösungen gibt es nicht, grundsätzlich sollte man weniger auf die Defizite des Kranken eingehen und Äußerungen vermeiden wie "Das kannst du nicht mehr", rät Helga Schneider-Schelte: "Gucken Sie stärker auf die noch vorhandenen Fähigkeiten des Kranken und bestärken Sie ihn hier."
Thea Kuhn reagierte auf die Aussage ihres Mannes, seine Frau habe ihn verlassen, souverän: "Na, dann mache ich Ihnen heute mal das Frühstück", entgegnete sie ihm. "Es hätte nichts gebracht, ihm zu erklären, dass ich doch seine Frau bin. Da wäre er nur aggressiv geworden", sagt die Seniorin.
Viele Verhaltensweisen von Demenzkranken sind Reaktionen, die nur aus der Krankheit heraus zu verstehen sind: Orientierungslosigkeit kann zu Ängstlichkeit und zum ständigen Wiederholen von Fragen führen. Aggressivität kann aus Frustration oder Überforderung entstehen, Depression aus einem Mangel an Aktivität und Ermunterung. "Grundsätzlich hilfreich ist es, ruhig zu bleiben und auf den Gefühlszustand des Kranken einzugehen", sagt Schneider-Schelte. Dass dies oftmals schwer falle, sei verständlich. Angehörige müssten verarbeiten, einen geliebten Menschen allmählich zu verlieren und ihm bei seinem Entschwinden zuzusehen. Schneider-Schelte: "Das ist ein Trauerprozess, der großen Stress bedeutet."
Auch die Entscheidung für ein Pflegeheim kann für beide Seiten eine sinnvolle Lösung sein. "Jeder Pflegende hat das Recht zu sagen: 'Ich kann nicht mehr.'", sagt Helga Schneider-Schelte. Zudem bedeute die Entscheidung für ein Pflegeheim nicht, den Angehörigen alleine zu lassen: "Man kann die Pflege abgeben, den Kranken aber auch im Heim weiter intensiv begleiten und für ihn da sein."
Alzheimer - Weiterführende Informationen
Die Alzheimer-Krankheit ist eine hirnorganische Störung, bei der es zum fortschreitenden Absterben von Nervenzellen kommt. Als Folge verliert der Patient Fähigkeiten und Informationen, die er zur Bewältigung des Alltags braucht. Gedächtnis, räumliches Orientierungsvermögen oder auch die Sprache funktionieren zunehmend schlechter. Die wörtliche Übersetzung von Demenz lautet "ohne Geist sein" und verdeutlicht, was mit dem betroffenen Menschen passiert: Er verliert die Kontrolle über sein Denken und damit über sich selbst. Auch die Persönlichkeit des Erkrankten leidet, seine grundlegenden Wesenseigenschaften ändern sich. Alzheimer tritt vor allem bei älteren Menschen auf: Ab 75 steigt die Wahrscheinlichkeit zu erkranken stark an.
Informationen und Broschüren sind hier erhältlich: Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V., Friedrichstr. 236, 10969 Berlin, Telefon: 0 30/2 59 37 95-0, deutsche-alzheimer.de
Individuelle Beratungen sind am Alzheimer-Telefon der Deutschen Alzheimer Gesellschaft möglich, Telefon: 0 18 03/17 10 17 (montags bis donnerstags 9 bis 18 Uhr und freitags 9 bis 15 Uhr). Anrufe kosten neun Cent pro Minute.
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