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Startseite Rubrik: Meldung vom Tage aktualisiert 05.05.2004


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02.04.2004

Unterschätzte Zöliakie

ddp
Wesentlich mehr Menschen als gedacht vertragen das Getreide-Eiweiß Gluten nicht
Weiterführende Informationen

Von ddp-Korrespondentin Susanne Donner

Erlangen/Wiesbaden (ddp). Kaugummis, Fertigsaucen, Desserts und Süßigkeiten: Heute enthalten fast alle Lebensmittel Zusätze, die aus Getreide gewonnen werden. Was Gesunde wenig stört, wird für Menschen mit Glutenunverträglichkeit, auch Zöliakie genannt, zur Qual. Sie müssen die Liste der Inhaltsstoffe genau studieren, denn für sie sind selbst kleinste Mengen Weizen, Roggen oder Gerste Gift. Gliadin, ein Bestandteil des Eiweißes Gluten, schädigt bei diesen Menschen den Darm.

Häufig verlieren die Patienten an Gewicht, leiden an Durchfall, Eisenmangel und Haarausfall. «Hinzu kommt, dass alle Patienten auf lange Sicht ein erheblich höheres Risiko für Diabetes, Arthritis und Osteoporose in Kauf nehmen müssen, wenn sie keine strenge Diät befolgen», erläutert Klaus-Michael Keller, Professor an der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden. Bei Erwachsenen mit dem Leiden sind Darmtumore zwei bis vier Mal so häufig wie bei Gesunden. Die Fruchtbarkeit ist beeinträchtigt, solange auf Weizen und verwandte Getreide nicht verzichtet wird. Bei schwangeren Patientinnen kommt es auch vermehrt zu Totgeburten.

Besonders tückisch: In jüngster Zeit werden immer mehr Fälle ohne akute Beschwerden bekannt, die Langzeitrisiken bestehen aber dennoch. Mediziner sprechen dann von einer stummen Glutenunverträglichkeit. Insgesamt sind in den vergangenen Jahren die Fälle der Krankheit rasant in die Höhe geschnellt. Nach früheren Annahmen waren häufig weniger als einer unter tausend Menschen von der Krankheit betroffen. Diese Erkenntnisse müssen nun revidiert werden.

«Wir gehen heute von einem unter 130 bis 300 Bewohnern in Europa aus. Vermutlich liegt die Rate noch höher», sagt Detlef Schuppan, Professor an der Universität Erlangen. Schwankungen zwischen verschiedenen Ländern führen die Wissenschaftler darauf zurück, dass Ärzte ihr Augenmerk unterschiedlich stark auf die Erkrankung richten und die Symptome wenig auffällig sind.

Seit einigen Jahren ist allerdings ein Bluttest auf dem Markt, mit dem die Krankheit auf einfache Weise eindeutig aufgespürt werden kann. Der Test basiert auf einem Antikörper im Blut, den Schuppan und seine Kollegin Walburga Dieterich Ende der neunziger Jahre entdeckten. Seither werden laufend mehr Fälle der Erkrankung aufgedeckt.

Sowohl unter Kleinkindern als auch unter 30 bis 50 Jahre alten Erwachsenen tritt die Glutenunverträglichkeit gehäuft auf. Im Schnitt leiden Frauen doppelt so häufig an der Erkrankung als Männer - weshalb, ist unklar. «Es wird vor allem über hormonelle Veränderungen wie Schwangerschaft oder Wechseljahre spekuliert», sagt Dieterich.

Mittlerweile gilt eine erbliche Veranlagung als belegt. Die entsprechenden Gene sind bereits bekannt. Eine solche Veranlagung besteht jedoch bei etwa einem Viertel der Bevölkerung - und damit bei mehr Menschen, als tatsächlich an Glutenunverträglichkeit leiden. Die Gene alleine genügen also nicht. Mediziner vermuten, dass eine Infektion des Darms mit Bakterien oder Viren hinzukommen muss.

Auch die Ernährung scheint eine Rolle zu spielen. Je früher Kleinkinder mit Glutenunverträglichkeit entsprechende Getreide bekommen, um so schwerer sind später die Krankheitsverläufe, berichtet Keller. So verdoppelten sich in Schweden die Fälle von Glutenunveträglichkeit bei Kindern, nachdem nachweislich mehr Babynahrung mit Getreide verkauft wurde. Zudem gibt es Hinweise, dass der Verzicht auf Gluten bei Neugeborenen und Kleinkindern schützend wirkt. So verzögert das Stillen - also das Weglassen von Getreide - zumindest den Ausbruch der Krankheit.

Heilung gibt es für die Glutenunverträglichkeit bis heute nicht. Allein mit dem Verzicht auf die Getreide heilt der Darm nach einigen Wochen, und die Beschwerden verschwinden schließlich. Auch die Risiken für Langzeitfolgen sinken damit wieder ab.

«Wissenschaftler arbeiten daran, Weizen ohne das auslösende Gliadin im Eiweiß Gluten zu entwickeln. Auch Substanzen, die Gliadin abbauen, werden erforscht», weiß Dieterich. Doch solche Entwicklungen bleiben bis auf weiteres Zukunftsmusik.



Weiterführende Informationen

- Stuttgart (ddp). Andrea Hiller: «Abwechslungsreiche Diät bei Zöliakie»
176 Seiten, Trias, ISBN: 3893735593, 22,95 Euro

- Nora Kircher: Leben ohne Gluten, Oesch Verlag, 2002
ISBN: 3035050171, 178 Seiten, 12,90 Euro

K.-M. Keller: «Glutensensitive Enteropathie - ein Krankheitsbild im Wandel»
www.medizinimdialog.com/mid3_01/Glutensensitive.htm

- Leitfaden «Zöliakie», zu bestellen bei Pharmacia Deutschland GmbH
Diagnostics Division, Munzinger Straße 7, 79111 Freiburg

- H. Vogelsang, G. Granditsch, A. Propst, B. Dragosics:
«Diagnostik und Therapie der Zöliakie im Adoleszenz- und Erwachsenenalter»
www.oeggh.at/Konsensusreports/Zoeliakie.doc



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