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Von Grit König und Uwe Frost
Erfurt (ddp). Knapp zwei Jahre nach dem Massaker am Erfurter Gutenberg-Gymnasium werden die Ermittlungen möglicherweise neu aufgerollt. Bei der Sichtung der Akten durch eine Kommission des thüringischen Justizministeriums seien Spuren aufgetaucht, die einer weiteren Prüfung bedürften, sagte Justizminister Karl Heinz Gasser (CDU) am Donnerstag in Erfurt. Einzelheiten nannte er auch auf Nachfrage nicht, deutete aber an, dass der Täter Robert Steinhäuser, ein früherer Schüler des Gymnasiums, möglicherweise einen Mitwisser gehabt haben könnte. Zugleich verteidigte Gasser das damalige Vorgehen der Polizei.
Steinhäuser hatte am 26. April 2002 in dem Gymnasium 16 Menschen erschossen und sich dann selbst getötet. Wegen anhaltender Zweifel an den Ermittlungsergebnissen und der Kritik am Polizeiensatz hatte die Landesregierung Anfang Januar Gasser damit beauftragt, noch einmal alle Ermittlungsakten zu dem Massaker zu überprüfen. Der komplette Bericht soll in der nächsten Woche veröffentlicht werden.
Auf 15 Seiten listete Gasser die Ergebnisse der Kommissionsarbeit auf. Der nachgestellte Tatablauf habe bestätigt, dass Steinhäuser «allein und ohne jegliche Unterstützung eines Zweiten gehandelt hat», sagte Gasser. Die Polizei habe die Abläufe mehrfach rekonstruiert. Die ermittelte Zeit von zehn bis elf Minuten deckten sich mit dem Tatzeitraum von 10.58 bis 11.10 Uhr.
Die Kommission sieht auch die Vorwürfe widerlegt, dass einige der Opfer hätten überleben können, wenn sie rechtzeitig versorgt worden wären. Bis auf den Lehrer Hans Lippe sei bei allen Opfern der Tod «zeitnah» zu den Verletzungen eingetreten. Lippe habe noch um 12.55 Uhr gelebt. Seine Verletzungen seien aber so schwerwiegend gewesen, dass sie nach dem Urteil von Rechtsmedizinern auch bei früherer Bergung und ärztlicher Versorgung zum Tode geführt hätten, sagte Gasser.
Auch der Einsatz von Polizei und Sondereinsatzkommandos sei nachvollziehbar, betonte der Minister. Allerdings sei die Kommunikation zwischen den Einsatzkräften untereinander und zu den Rettungskräften unzureichend gewesen.
Gasser verwies darauf, dass nach dem von Bundes- und Landeskriminalamt erstellten Täterprofil die Tat Steinhäusers nicht mit dem Schulverweis allein zu erklären sei. Auf die Probleme in der Schule habe Steinhäuser mit «einer Art kompensatorischem Größenwahn» reagiert. Der Kommission lägen Erkenntnisse vor, dass sich Steinhäuser schon lange vor der Tat mit dem Thema Amoklauf beschäftigt habe. Möglicherweise hätte «jede andere massive Ego-Verletzung Steinhäusers in der Schule das gleiche Resultat bewirken können».
Kommissionsmitglied Peter Wickler äußerte sich auch zu einem Warnanruf zwei Tage vor der Tat. Darin sei nach Aussagen der Sekretärin der Schule etwas «ganz Schlimmes» angedroht worden. Solche Anrufe seien aber in Prüfungszeiten häufiger gekommen. Auch deute nichts darauf hin, dass der Anruf von der Familie Steinhäuser gekommen sei.
Angehörige der Opfer kritisierten den Bericht. Eric Langer, der Lebensgefährte eines der Opfer, sagte, er sei «sehr frustriert». Konsequenzen würden vollkommen ausgespart. Eine Liste mit 30 Fragen sei für ihn noch offen.
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