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Von Claudia Pietsch
Berlin (ddp). Begleitet von Politiker-Forderungen nach mehr Beobachtung durch den Verfassungsschutz hat die umstrittene Scientology-Organisation ihre Zentrale in Berlin eröffnet. Dazu waren am Samstag Anhänger der Organisation aus Deutschland und weiteren europäischen Ländern in die Bundeshauptstadt gekommen. Die Polizei zählte vor dem Haus im Stadtteil Charlottenburg etwa 1000 Besucher. Scientology-Sprecher Jürg Stettler sprach von mehr als 5000 Gästen. Zwischenfälle gab es nach Angaben einer Polizeisprecherin nicht.
Derweil geht die bundesweite Diskussion über den Umgang mit der Organisation weiter. In Berlin war die Überwachung der Scientologen durch den Landesverfassungsschutz 2003 beendet worden. Die von dem Science-Fiction-Autor Ron Hubbard in den USA gegründete Organisation Scientology hatte im Vorfeld der Eröffnung angekündigt, in Berlin zunächst mit einer "Anti-Drogen- und Menschenrechtskampagne" aktiv werden zu wollen. Von Experten wird die Organisation als "problematisch" eingeschätzt, weil sie wirtschaftliche Interessen verfolge und es für Mitglieder schwierig sei, auszuscheiden.
Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) riet zu einem gelassenen Umgang mit der Organisation. "Bisher hat Scientology in Berlin nicht Fuß fassen können und war hier inaktiv", sagte er dem "Tagesspiegel am Sonntag". "Ich gehe davon aus, dass das so bleibt", fügte Körting hinzu.
Der innenpolitische Sprecher der Berliner CDU-Fraktion, Frank Henkel, erklärte hingegen, die Hauptstadt dürfe nicht zum Brückenkopf für einen "Krieg gegen Europa" werden, der Presseberichten zufolge in einem Strategiepapier der Sekte angekündigt wird. Die für Berlin "überdimensionierte Repräsentanz" werfe die Frage auf, ob "wir es möglicherweise mit einer geplanten strategischen Konzentration der Sekte auf den Standort Berlin zu tun haben". Berlin müsse endlich tätig werden und den Beobachtungsdruck erhöhen, forderte der CDU-Politiker.
Nach Einschätzung der Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse (SPD) und Petra Pau (Linkspartei) handelt es sich bei den Scientologen nicht um eine Religionsgemeinschaft. Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) forderte eine bundesweite Überwachung der Organisation. "Es ist unabdingbar nötig, dass Scientology in allen Bundesländern sorgfältig beobachtet wird", sagte Beckstein der "Berliner Zeitung". Nur dann habe Scientology keine Schlupflöcher.
Nach Ansicht von Thierse hat die Organisation das Ziel, Macht über Menschen zu gewinnen und dabei Geld zu verdienen. Daher müsse man genau aufpassen, ob Scientology missionarisch tätig werde und sich Menschen gefügig mache.
PRESSESTIMMEN
Neue Osnabrücker Zeitung (Ausgabe 15.01.2006)
"Zwar ist Scientology dem Hirn eines Science-Fiction-Schriftstellers entsprungen. Doch Utopie geblieben ist die Organisation leider nicht. Im Gegenteil. Wie ein Krake hält sie in Deutschland bereits Teile der Gesellschaft im Griff: Durch Immobiliengeschäfte, Nachhilfe, Kurse für Traumatisierte.
Die Warnungen sind deshalb sehr berechtigt. Sie reichen aber nicht. Sie sind inkonsequent. Und sie verlangen dringend eine Debatte darüber, warum denn Seelenfänger Konjunktur in unserem Land haben.
Es ist nicht nachzuvollziehen, warum Scientology in manchen Bundesländern offenbar gegen die demokratische Grundordnung verstößt und deshalb vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Und in anderen nicht. Nur eine bundesweite Regelung kann Zeichen setzen.
Wer den Kraken, Sekten und Seelenfängern das Weihwasser abgraben will, muss vor allem die Miseren der Gesellschaft ausmerzen. Straßenkinder, Arbeitslose, Menschen auf Sozialhilfeniveau: Sie alle sind Sinnsucher, die sich nach Halt sehnen. Ohne Perspektive geraten sie in die Hände teuflischer Heilsbringer."
Schweriner Volkszeitung (Ausgabe 15.01.2006)
"Mit vorgeblich religiös motiviertem Extremismus hat Berlins Innensenator Körting ein Problem. Als im vergangenen Jahr die Mozart-Oper Idomeneo in der Deutschen Oper Berlin aufgeführt werden sollte, riet er der Opernchefin Kirsten Harms vor möglichen Terroranschlägen - doch hinterher wurde bekannt: Eine konkrete Gefahr bestand gar nicht. Will Körting dieses Versagen nun an anderer Stelle wieder gutmachen? Obwohl die Gefährlichkeit der Scientology-Organisation in Deutschland mittlerweile hinreichend bekannt ist, verzichten der Senator und das Land Berlin auf eine Beobachtung des unter dem Tarnmantel einer Religionsgemeinschaft arbeitenden Wirtschaftsunternehmens Scientology."
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