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Von ddp-Korrespondentin Katrin Schüler
Rostock (ddp). Baby Lisa ist jetzt wieder im Dauerschlaf-Modus. Vier Tage hielt es zuvor seine junge Mutter auf Trab, weinte in der Nacht, war im Morgengrauen mopsfidel. "Mal sehen, wie die Mutti sich mit ihrem Kind beschäftigt hat", sagt Helena Pabst und liest die Daten im Speicherchip des Babys. Lisa ist eine von zehn Rostocker Computer-Puppen, die Jugendlichen im Elternpraktikum in den Arm gelegt werden. Vier Tage und Nächte lang kümmern sich die jungen Leute um das täuschend echte Wesen, und sollen danach sagen, ob sie sich Familienzuwachs so vorgestellt haben.
"Die meisten sind entsetzt, wie viel Zeit so ein Kind einem abverlangt", sagt die Projektleiterin des Rostocker Mobilen Beratungsteams Sexualität und Aids. "Aber niemand, wirklich niemand, hat bis jetzt gesagt: Nein, ein Kind kommt nicht in Frage. Nur der Zeitpunkt einer Elternschaft wird weiter nach hinten geschoben." Das Projekt mit den Baby-Dummys kommt aus den USA und wird seit einigen Jahren in Deutschland angeboten, unter in Berlin, Delmenhorst, Leipzig und Trier. Es sei keine "Pille" gegen Teenagerschwangerschaften, betont Pabst. Vielmehr sei es ein erstaunlicher "Türöffner", um mit jungen Leuten über Themen wie Sexualität und Partnerschaft, Verhütung und Verantwortung ins Gespräch zu kommen.
Seit gut zwei Jahren gibt es das Projekt Babybedenkzeit in Mecklenburg-Vorpommern. Verschiedene soziale Einrichtungen haben sich dafür in einem Netzwerk zusammengeschlossen, um Erfahrungen im Umgang mit dem Babysimulator, von denen es landesweit inzwischen rund 60 gibt, auszutauschen. Ziel sei anfangs schon gewesen, auf die steigende Zahl von Teenagerschwangerschaften zu reagieren, sagt Karin Wien, Sozialpädagogin und Familientherapeutin am Verein Arche in Güstrow. Schnell habe sich aber heraus gestellt, dass die Babys, werden sie einmal den Müttern in spe in den Arm gelegt, Schleusen öffnen. "Sie reden über Partner, ihre Vorstellungen vom Leben, über häusliche Gewalt. Sie haben auf einmal eine ganz andere Motivation, sich zu bestimmten Themen Gedanken zu machen", erzählt Karin Wien.
Das Elternpraktikum hört sich leichter an, als es ist. Das Baby wird so programmiert, dass es zu unterschiedlichen Zeiten Aufmerksamkeit einfordert. Es weint und kann dann nur durch Füttern mit der Flasche oder Herumtragen besänftigt werden. Dann wiederum lacht es auch glucksend. "Die Bezugsperson ist über einen Chip mit dem Baby verbunden, nur sie kann es beruhigen", erzählt Helena Pabst. Gespeichert und ausgewertet wird beispielsweise, wie lange das Baby geweint hat, ob es richtig getragen wurde, wie oft sich die Mutter mit ihm beschäftigt hat, ob es satt ist und regelmäßig gewindelt wurde.
Nebenbei schreiben die Eltern ein Tagebuch, "oft nur hingekritzelt oder mit vielen Abkürzungen, weil so wenig Zeit ist", sagt Helena Pabst. Diese spontanen und nicht selten widersprüchlichen Berichte liest sie jedes Mal mit Spannung. Sätze wie "Ich habe diese Nacht kein Auge zugemacht" stehen gleich neben "Lisa ist so süß". Auch Jungs versuchten sich als Babysitter, sähen das aber eher technisch.
Die Babybedenkzeit bringe die ganze Familie in Bewegung, "nicht nur, weil ein weinendes Baby alle weckt. Sondern, weil man mit den eigenen Eltern gut ins Gespräch kommt, wie man selbst so früher war", sagt die Rostocker Projektleiterin. Die Probe-Eltern überlegten sich auch genau, was sie ganz anders mit ihren Kindern machen würden, als das, was sie selbst erlebt hätten.
Das Projekt wird hauptsächlich sozial benachteiligten Familien angeboten, in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit, in Hauptschulen. "Bei vielen jungen Mädchen ist das eine echte Alternative, ein Kind zu bekommen und endlich weg von der verhassten Schule oder aus dem engen Elternhaus zu kommen", hat Helena Pabst beobachtet. Künftig wolle man sich auch mehr behinderten Menschen widmen, "die ganz oft einen großen Kinderwunsch haben", wie Helena Pabst sagt. Gerade hier sei es so wichtig, dass Kinder nicht ungeplant und unwissend in die Zukunft hineinstolperten.
Ansprechpartner für das Projekt Babybedenkzeit
Rostock
- Mobiles Aufklärungsteam Sexualität und Aids, Wokrenter Straße 3, Tel. 0381-4923463
- Rostocker Schülerfreizeitzentrum, Kuphalstraße 77, Tel. 0381-89030417
Güstrow
- Arche e.V., Hageböcker Mauer 17, Tel. 03843-683186
- pro familia, Domstraße 5, Tel. 03843-682315
Neubrandenburg
- AWO Haus der Familie, Wilhelm-Ahlers-Straße 1-6, Tel. 0395-5443683
Anklam
- DRK Kreisverband Ostvorpommern, Ravelinstraße 17, Tel. 03971-200237
Sternberg
- DRK Beratungshaus, Karl-Marx-Straße 25a, Tel. 03847-440017
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