Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe

Startseite Rubrik: Meldung vom Tage aktualisiert
21.12.2005



Übersicht "Meldung vom Tage" (Dezember 2005)



.20.12.

Weihnachten ohne Carolin
Justiz bleibt auch nach Verurteilung des Mörders unter Druck
Eltern: "Wir kämpfen weiter!"

ddp

Von ddp-Korrespondentin Katrin Schüler

Rostock (ddp-nrd). Es wird ein Weihnachtsfest voller Trauer. Die Eltern und der Bruder der 16-jährigen Carolin, die im Sommer nahe Rostock von einem bereits vorbestraften Vergewaltiger missbraucht und ermordet wurde, finden auch nach dessen Verurteilung keine Ruhe. Und das wollen sie auch nicht, im Gegenteil. "Wir kämpfen weiter", sagt Carolins Vater. Denn obwohl das Gericht Anfang Dezember gegen den Mann die Höchststrafe mit Sicherungsverwahrung verhängte, hat die Justiz ihre eigene Schuld an dem Verbrechen nach Ansicht der Eltern weder zugegeben, noch Lehren aus dem Fall gezogen.

Die 16-jährige Carolin aus Graal-Müritz war am 15. Juli als vermisst gemeldet worden. Drei Tage später fanden Polizisten ihre Leiche in einem Wald. Schon zu diesem Zeitpunkt wurde ein 29-jähriger Mann verhört, der nur wenige Kilometer vom Tatort entfernt wohnte und - was den Ausschlag für seine Festnahme gab - der erst eine Woche vor der Tat nach verbüßter Haftzeit wegen Vergewaltigung und Misshandlung einer jungen Frau entlassen worden war.

In die allgemeine Erleichterung über den schnellen Ermittlungserfolg mischte sich bald die Frage nach dem Warum. Warum konnte niemand voraussehen, dass die mehrjährige Haftstrafe bei dem 29-jährigen Gewaltverbrecher offenbar nichts bewirkt hat. Er galt als nicht therapiert, wurde aber dennoch entlassen. Wie bei kaum einem anderen Mordfall stand bei dieser Tat der Vorwurf im Raum, dass das Verbrechen hätte verhindert werden können. Der Vergewaltiger hätte niemals wieder auf die Menschheit losgelassen werden dürfen, werfen die Eltern der Justiz vor.

Die an die Öffentlichkeit gelangten Details des Verbrechens schockieren. Der Mörder fesselte sein Opfer, rauchte nach der Tat noch eine Zigarette, bevor er der offensichtlich flüchten wollenden Carolin mit einem Stein das Gesicht zertrümmerte. In einem vor allem für die Eltern entsetzlich mühsamen Puzzle musste das Gericht die letzten Minuten im Leben des Mädchens rekonstruieren. Der 29-Jährige schwieg zu den Vorwürfen fast bis zur letzten Prozessminute. Erst in seinem Schlusswort entschuldigte er sich nahezu emotionslos und räumte damit gleichsam die letzten Zweifel an seiner Schuld aus.

Im Prozess kamen mögliche Versäumnisse der Justiz nur am Rande zur Sprache. Die Therapie eines Psychopathen wie Carolins Mörder sei nahezu ohne Erfolg, sagte ein Gutachter. Er charakterisierte den Beschuldigten als in hohem Maße egozentrisch, rücksichtslos und manipulativ. Eine eineinhalbjährige Gruppentherapie während der Haft sei ohne erkennbare Erfolge geblieben. Jedoch war der 29-Jährige im Gefängnis nie auffällig geworden, von wenigen Disziplinarmaßnahmen unter anderem wegen unerlaubten Besitzes eines Handys oder einer Tätowiermaschine abgesehen.

Solche Auffälligkeiten hätte es geben müssen, um nach der Haft eine zusätzliche Sicherungsverwahrung zu verordnen. Diese Möglichkeit sieht der Gesetzgeber seit vergangenem Jahr vor. In Mecklenburg-Vorpommern sei sie noch nicht ein einziges Mal ausgeschöpft worden, sagt Carolins Vater. Auch in einem neuen Fall lehnte das Oberlandesgericht eine nachträgliche Haft ab und ermöglichte die Entlassung eines Gewalttäters, der gar eine Therapie im Gefängnis abgelehnt hatte.

Der Justiz seien die Hände gebunden, bedauert Minister Erwin Sellering (SPD) ebenso wie Generalstaatsanwalt Uwe Martensen, der eine Dienstaufsichtsbeschwerde der Eltern von Carolin zurückwies. Nun befasst sich der Rechtsausschuss des Landtags mit dem Fall. Am 4. Januar ist eine Sondersitzung anberaumt. Der Justizminister hat volle Akteneinsicht zugesagt.


Copyright © ddp
Wiederveröffentlichung oder Verbreitung der Inhalte dieser Seite nur mit ausdrücklicher
schriftlicher Zustimmung der Nachrichtenagentur Deutscher Depeschendienst (ddp).

Übersicht "Meldung vom Tage" (Dezember 2005)

Hier können Sie unseren Newsletter mit Neuigkeiten aus Psychiatrie, Soziales und Selbsthilfe bestellen!


RUBRIK
Meldung vom Tage

nach oben | E-Mail | Startseite  | Newsletter | Impressum |


nach oben Kontakt Startseite