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Startseite Rubrik: Meldung vom Tage aktualisiert 21.03.2004


Übersicht "Meldung vom Tage" (Februar 2004)

06.02.04

Neue Studien zeigen: Verhaltensstörung ADHS

ddp

ist mindestens zur Hälfte genetisch bedingt


Von ddp-Korrespondentin Susanne Donner

Würzburg/Tübingen (ddp). Als hätte "Struwwelpeter" sie alle gekannt, so beschreibt das Bilderbuch die verschiedenen Formen des ADHS: Nicht nur der hyperaktive Zappel-Philipp gehört dazu. Auch den verträumten Hans-Guck-in-die-Luft, das unbedachte Paulinchen und den aggressiven Wüterich zählen Forscher heute zu der Verhaltensstörung. Sie alle können sich nur kurze Zeit konzentrieren und sind meistens unaufmerksam. Kinder mit ADHS tun sich schwer, in der Schule zu folgen.

Drei bis fünf Prozent der Schulkinder leiden an der Verhaltensstörung, sagt die Mehrzahl der Studien. "Je nach zu Grunde gelegten Bewertungskriterien findet man aber auch erheblich mehr oder weniger betroffene Kinder", berichtet Professor Peter Schlottke vom Psychologischen Institut der Universität Tübingen. Aus seiner Praxis könne er bestätigen, dass es immer wieder Fehldiagnosen gebe.

"Grundsätzlich kann der Fachmann die Verhaltensstörung jedoch heute eindeutig diagnostizieren", betont Klaus-Peter Lesch, Professor der Klinik für Psychotherapie und Psychotherapie der Universität Würzburg. Mittlerweile gebe es weltweit anerkannte Standards, um ADHS sicher zu erkennen.

Unter solchen "echten" ADHS-Fällen fahnden Forscher weltweit nach Ursachen für das auffällige Verhalten. Mehrere Untersuchungen lassen auf einen starken Einfluss der Gene schließen. Jüngst belegte dies eine Studie an 1452 Zwillingspaaren, die in der Zeitschrift "American Journal of Psychiatry" veröffentlicht wurde. "Mindestens 50 Prozent des ADHS gehen auf eine genetische Veranlagung zurück", resümiert Schlottke. Auch unter Geschwistern und innerhalb eines Stammbaumes tritt ADHS, wenn, dann gehäuft auf. Allerdings handele es sich nicht um ein Gen, sondern um mehrere Gene, die mitunter das Risiko eines ADHS festschreiben, erläutert Lesch.

Neben diesem Erbrisiko fiel Forschern ein weiteres Merkmal ins Auge, das viele ADHS-Kinder kennzeichnet: Der Vorderlappen des Gehirns ist beeinträchtigt und häufig kleiner. Dies sei jedoch weniger eine Ursache als ein Befund unter mehreren, warnt Lesch. Im vorderen Bereich des Gehirns sitze auch das Zentrum für Aufmerksamkeit, und dieses sei bei den Patienten schließlich gestört.

"Hinzu kommt jedoch, dass die Aktivität dieses vorderen Hirnbereiches niedriger liegt als üblich", berichtet Schlottke aus seinen jüngsten Untersuchungen. Sein Schluss aus diesem Ergebnis: ADHS-Kinder verarbeiten zu wenig Reize und suchen daher ständig nach anregenden Eindrücken und Erlebnissen. Eine Folge: Drogenmissbrauch und Kriminalität sind häufiger als bei gesunden Kindern.

Weshalb die Vorderlappen der Gehirne der ADHS-Kinder anormal arbeiten, ist nicht abschließend geklärt. Vielleicht haben abermals die Gene Anteil daran. Doch Lesch vermutet, dass Rauchen, Alkohol und Stress während der Schwangerschaft das Gehirn des Ungeborenen in Mitleidenschaft ziehen. Die britische Zwillingsstudie scheint ihm mindestens teilweise Recht zu geben. Danach sind nicht nur die Gene beteiligt, auch Rauchen während der Schwangerschaft erhöht nachweislich die Gefahr eines ADHS.

Trotz solcher Ursachen besteht jedoch kein Grund, sich dem Schicksal eines ADHS zu ergeben. Wie stark die Kinder entgleisen, hängt offensichtlich auch vom sozialen Umfeld ab. Mehr als die Hälfte der Kinder mit Aufmerksamkeitsmangel sind als Erwachsene "geheilt". "Sie haben gelernt, mit ihrer angeborenen Schwäche umzugehen", urteilt Schlottke. Stabilisierend wirkt zum Beispiel ein intaktes Elternhaus. "Man darf nicht übersehen, dass solche Kinder auch ganz wunderbare, leider manchmal in der Gesellschaft deplatzierte Eigenschaften haben: Sie sind zum Beispiel sehr intelligent, wissbegierig und kreativ", ergänzt Lesch.

Trotz dieser weitgehenden Übereinstimmung bei den Ursachen des ADHS setzen Wissenschaftler auf verschiedene Therapien: Lesch empfiehlt in sehr schweren und sonst nicht behandelbaren Fällen Psychopharmaka wie Ritalin. Sie könnten die Kinder vor dem Abdriften in die Kriminalität und vor sozialer Isolation bewahren. Schlottke hält wenig vom alleinigen Griff zur Pille. Mit Verhaltenstherapie versucht er, Kindern wie Eltern Strategien fürs Leben zu vermitteln, mit der ADHS-Veranlagung umzugehen. Medikamente könnten die Therapie dabei im Einzelfall ergänzen.


Weiterführende Informationen für Journalisten:

Nachstehender Link führt zu einer Stellungnahme
der World Federation of Mental Health.

Titel: ADHS: Die Hoffnung hinter dem Medienrummel
INTERNATIONALE RICHTLINIEN FÜR DIE MEDIENBERICHTERSTATTUNG ÜBER ADHS
http://www.wfmh.org/aboutus/initiatives/documents/adhdguidelines-german.pdf





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