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Jeder Hundertste erkrankt an dieser Störung,
meist erstmals zwischen 18 und 35 Jahren.
Hilfe bietet die Rostocker Uni-Klinik. |
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| Von WOLFGANG THIEL |
Auf der Schizophrenie-Station bei Ergotherapeutin Franka Oldag zeichnet ein Patient seine Empfindungen.
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"Meine Schizophrenie begann wahrscheinlich, als ich 17, 18 Jahre alt war", berichtet ein Patient, der heute im mittleren Lebensalter und weitgehend geheilt ist. Damals war seine erste feste Beziehung in die Brüche gegangen. Der Ausbruch der Schizophrenie verläuft "heimtückisch". So verliert man nach und nach, während die Symptome sich verstärken, die Beziehungen zu Freunden und der Familie.
"Das Typische der Erkrankung sind Sinnestäuschungen, sogenannte Halluzinationen, sowie Realitätsverlust mit Wahnideen. Man hört im Raum plötzlich, dass jemand zu einem spricht oder leidet unter Verfolgungswahn", schildert Professorin Sabine C. Herpertz, Direktorin der Rostocker Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Zentrum für Nervenheilkunde. "Die Betroffenen denken, andere Menschen wollten sie fertigmachen." Das führe bis zur Vorstellung: "'Die trachten mir nach dem Leben'. Die Patienten vermuten, dass andere ihre Gedanken lesen können oder die von außen eingegeben worden sind." Am Körper würden sie ungewöhnliche Gefühle spüren, z. B. ein unerklärliches Kribbeln. Diese Symptome treten häufig nur kurz, episodenhaft auf, kehren aber immer wieder.
Die Krankheit beginnt meist mit eher uncharakteristischen Beschwerden, im Durchschnitt fünf Jahre vorher, vor allem mit plötzlichem Leistungseinbruch und Rückzug, erklärt Prof. Herpertz. Es treten Misstrauen und Initiativverlust auf, soziale Ängstlichkeit und Verlust der Spannkraft. "Das Denken wird vage, die Sprache verarmt. Hinzu kommt eine depressive Stimmung." Die Früherkennung sei sehr wichtig, sagt die Medizinerin. Je später eine sachgemäße Therapie beginnt, desto ungünstiger gestaltet sich der weitere Verlauf.
Etwa 800 000 Bundesbürger - ca. ein Prozent der Bevölkerung - erkranken an einer Schizophrenie, erstmals meist zwischen dem 18. und 35. Lebensjahr. Professorin Herpertz ärgert sich, wenn Politiker in Talkshows sagen: Das ist ja schizophren. "Die Herren wissen nicht, worüber sie reden."
Die Krankheitsursache ist bis heute nur unzureichend aufgeklärt. Vermutlich zählen familiäre genetische Dispositionen oder Entwicklungsstörungen in der Schwangerschaft, z.B. durch Infektionen, dazu. Für den Ausbruch von Schizophrenie hat auch Stress eine Bedeutung. Bei jungen Leuten sind das die Abnabelung vom Elternhaus, Berufswahl, Partnerschaft, erste Trennung. "Wer einmal erkrankt, muss Stress vermeiden", warnt Prof. Herpertz.
Der Haupterkrankungsgipfel vieler Betroffener fällt in die Zeit des Abschlusses der Ausbildung. "Wenn ein junger Mensch dann zu versanden scheint, sollten Angehörige an Schizophrenie denken", gibt Professorin Herpertz Rat. "In der Psychiatrie gibt es Möglichkeiten, das Krankheitsbild frühzeitig zu erkennen." Das sei positiv für die Prognose. "Schizophrenie ist eine klassische, besonders bedrückende psychiatrische Erkrankung", unterstreicht die Medizinerin. Dies insbesondere, weil junge Leute betroffen sind. Die eigene Lebensplanung werde gravierend in Frage gestellt. Die Klinikdirektorin legt viel Wert auf Rehabilitation, damit die Betroffenen wieder in den normalen Alltag und das Arbeitsleben eingegliedert werden. Im Rostocker Uni-Klinikum gibt es eine spezielle Station, die ein genau auf die Bedürfnisse der Patienten abgestimmtes Behandlungskonzept anbietet. Ab Sommer erfolgt die Betreuung in einem Neubau. "Heute weiß man, dass neben Medikamenten auch psycho- und sozialtherapeutische Betreuung wichtig ist. Die Betroffenen müssen zum Spezialisten ihrer Erkrankung werden. Dann erkennen sie Frühsymptome bei einem Rückfall." Auf der Station wird außerdem trainiert, wie man mit sozialer Ängstlichkeit besser umgehen kann.
"Die Stigmatisierung der Erkrankten ist ein großes Problem", weiß die Ärztin. Ein Viertel der Patienten gesundet nach der Behandlung. Bei einem Drittel gibt es einen ungünstigen Verlauf, zehn Prozent wählen gar den Freitod. Lediglich 40 Prozent finden in den Alltag zurück, doch sie behalten leichte Symptome. Wenn jemand erkrankt war, muss er in regelmäßiger psychiatrischer Beobachtung bleiben. Wer zum dritten Mal einen Rückfall erleidet, braucht wie ein Diabetiker lebenslange Behandlung.
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So sieht sich ein Betroffener. |
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H I L F E
Hilfe zur Früherkennung gibt es in der Rostocker Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie unter Telefon 0381 - 494 96 89. Im Rostocker Uni-Klinikum betreut Prof. Sabine Herpertz die Patienten auf einer speziellen Station.
Am 23. April organisieren das bundesweit agierende Kompetenznetz Schizophrenie (Düsseldorf), die Rostocker Uni-Klinik und die Landesverbände der Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen in der Stadthalle Rostock eine Info-Börse. Anmeldungen unter lichtblick-newsletter.de
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Fotos: W. Thiel
Mit freundlicher Genehmigung:
Ostsee-Zeitung (Wochenendausgabe, 19. März 2005, Gesundheit)
http://www.ostsee-zeitung.de
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