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Puffer für Unvorhersehbares lassen
Von ddp-Korrespondentin Eva Dignös
München (ddp). Tick, tack, tick, tack, tick, tack - unermüdlich verrinnt sie. Oder dehnt sich unerträglich lang. Die Zeit ist ein schwer zu bändigendes Gut. Erst recht, wenn man die Termine einer ganzen Familie aufeinander abstimmen muss. Gezieltes Zeitmanagement kann helfen, den Alltag besser in den Griff zu bekommen.
Der Kleine muss heute früher in den Kindergarten und Papa zum Zahnarzt. Die Große kommt zwei Stunden früher von der Schule nach Hause, und Mama hat um zehn die alles entscheidende Besprechung mit dem neuen Kunden. Termine, Termine, Termine bestimmen den Familientag. Und dazu kommt noch eine ordentliche Portion Unberechenbarkeit. Denn der Alltag mit Kindern ist nicht so planbar wie ein Tag im Büro - und ist dennoch verplant wie nie zuvor mit Job und Haushalt, Einkaufen und Freizeitaktivitäten.
Zeitmanagement-Strategien, wie man sie aus dem Berufsleben kennt, können Familien das Leben leichter machen, ist Cordula Nussbaum überzeugt. Die Wirtschaftsjournalistin und Buchautorin aus dem oberbayerischen Sauerlach gibt Seminare zum Thema Zeitmanagement für Familien. Effizientere Arbeitsabläufe, weniger Leerlauf, mehr Zeit für die Dinge, die einem wichtig sind - "mit oft ganz kleinen Veränderungen kann man sich mehr Luft und Zufriedenheit verschaffen", sagt sie.
Erster Schritt ist die Bestandsaufnahme. Mit Tagesprotokollen lassen sich kleine Zeitfresser entlarven. Man wollte eigentlich nur schnell nach dem Frühstück die Küche aufräumen und findet sich schließlich beim Abtauen des Kühlschranks wieder. Oder man hat drei Stunden mit Shopping beim Discounter vertan, nur weil dort supergünstige Kinderhausschuhe lockten.
Mithilfe von Tagesplänen bringt man Struktur in die alltäglichen Arbeiten, setzt Prioritäten, kann leichter mal "Nein" sagen. "In Stress geraten wir oft doch nur deshalb, weil wir unsere Tage viel zu voll packen", sagt Nussbaum. Ihre Grundregel lautet deshalb: Maximal 50 Prozent des Tags dürfen verplant sein, der Rest ist Puffer für Unvorhersehbares. Den Einwurf, so viel Planung koste viel zu viel Zeit, lässt sie nicht gelten: "Mit täglich maximal zehn Minuten Planung lassen sich bis zu zwei Stunden Zeit sparen."
Und wie bringt man die Familie dazu mitzuspielen? "Man macht sie zu Verbündeten, indem man sie in die Planung einbezieht", sagt Nussbaum. Und indem man nicht nur die ungeliebten Hilfsdienste delegiert, sondern auch mal Verantwortung abgibt und zum Beispiel die große Tochter einmal in der Woche kochen lässt.
Wenn es um einen bewussteren Umgang mit der Zeit geht, dann hält auch der Regensburger Familienberater Hermann Scheuerer-Englisch Zeitmanagement für Familien für sinnvoll. "Aber es darf nicht das Ziel sein, möglichst viele Termine in einem Tag unterzubringen", betont der Leiter der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle der Katholischen Jugendfürsorge in Regensburg. Sondern es gelte, den Tag so zu gestalten, dass er der "ganz eigenen Entwicklungsgeschwindigkeit" von Kindern gerecht wird. "Die Frage muss lauten: Wie viel Zeit brauche ich, damit ich nicht hektisch werde und für die Kinder kein Druck entsteht", sagt der Psychologe und Familientherapeut. Wer den Dreijährigen antreibt, weil die Zeit für den Weg in den Kindergarten mal wieder zu knapp kalkuliert wurde, der wird alles erreichen - nur nicht, dass der Nachwuchs sich beeilt.
Auch für Cordula Nussbaum - selbst Mutter von zwei kleinen Kindern - macht Zeitmanagement für Familien nur Sinn, wenn es den Alltag entschlackt und nicht mit noch mehr Terminstress überzieht. Deshalb findet sie auch das Wörtchen "Nein" bei der Tagesplanung so wichtig. Es gehe nämlich nicht darum, den Vorstellungen anderer zu entsprechen, sondern nur seinen eigenen Maßstäben. "Mein Zeitmanagement ist dann gelungen, wenn ich mit meinem Alltag zufrieden bin und das Gefühl habe, souverän über meine Zeit zu verfügen", sagt sie. Mancher macht auch die Kinder zum Fall für den Kalender - nach dem Motto "Morgen zwischen 15.30 und 17.00 Uhr gehöre ich ganz Dir". Familienberater Scheuerer-Englisch hält von solchen "Intensivzeiten" jedoch wenig. "Wenn das Kind gerade dann einfach keine Lust auf die Kuschelstunde hat, dann kann man das auch nicht einfordern." Kinder wollen oft nicht auf Knopfdruck und nach Terminkalender von ihren Erlebnissen in Schule oder Kindergarten erzählen, sondern brauchen eine "Auftauzeit" von ein, zwei Stunden. Er empfiehlt stattdessen: "Familien sollten sich wieder mehr nach ihrer inneren Uhr richten und nicht nach von außen vorgegebenen Zeiten." Das Wochenende nicht mit Events verplanen, sondern Freiräume lassen, um sich als Familie zu erleben. "Das ist in unserer sehr verplanten Gesellschaft manchmal gar nicht so leicht auszuhalten", weiß Scheuerer-Englisch.
Es gehe dabei gar nicht darum, immer und überall mit den Kindern zusammen zu sein. Auch die Eltern brauchen ihre Zeit zum Durchatmen, weil sie nur so die notwendige Gelassenheit für den Familienalltag aufbringen können. "Aber die Kinder müssen erfahren, dass die Eltern in wichtigen Situationen für sie da sind", sagt Scheuerer-Englisch. Denn das schaffe Vertrauen und Sicherheit.
Literatur: Cordula Nussbaum: "Familien-Alltag sicher im Griff"
GU-Ratgeber, ISBN 3-7742-6676-X, 12,90 Euro)
Die größten Zeitfallen
"Wo ist denn nur die Zeit geblieben" - wahrscheinlich in einer der zahlreichen Zeitfallen, die im Alltag lauern.
"Sich zu verzetteln, ist eine der größten Zeitfallen", sagt Zeitmanagement-Coach Cordula Nussbaum. Man wollte nur schnell ein paar Kräuter im Garten pflücken und gräbt stattdessen stundenlang das Gemüsebeet um. Dagegen hilft ein Küchenwecker. Wenn er nach drei Minuten klingelt, dann müssen die Kräuter gepflückt sein. Und mehr Gartenarbeit steht an dem Tag nicht auf der Agenda.
Jede Menge Zeit verschlingt auch die ständige Suche nach verlegten Dingen. "Man sollte deshalb ganz bewusst jedem Teil sein 'Zuhause' geben", rät Nussbaum. Wenn man dann die Dinge auch noch logisch organisiert und alles, was häufig benutzt wird, auch schnell zugänglich lagert, hat man schon wieder ein paar Stündchen gewonnen.
Viele Stunden vertane Zeit sind dem Herdentrieb geschuldet. Cordula Nussbaum gibt zu bedenken: "Warum muss man, wenn man sich seine Zeit eigentlich frei einteilen kann, trotzdem dann auf die Post oder in den Supermarkt, wenn alle dort sind."
Auch billiges, schlechtes Handwerkszeug in Haushalt, Garten oder Werkstatt kostet Zeit und Nerven. Deshalb sollte man bei der Anschaffung nicht nur auf den Euro sehen, sagt die Zeitmanagement-Expertin. Mit hochwertigen Helfern kann dagegen so manche ungeliebte Arbeit plötzlich Spaß machen.
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