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Von Thorsten Severin
Berlin (ddp). Die Praxisgebühr schreckt offenbar viele Patienten vom Arztbesuch ab. So sank die Zahl der Konsultationen im Januar im Vergleich zum Dezember um 17 Prozent, bestätigte am Freitag rund einen Monat nach Einführung der zehn Euro hohen Abgabe der Sprecher des Deutschen Hausärzteverbandes, Heinz Jarmatz. Im Vergleich zum Januar des Vorjahres betrage der Rückgang der Arztkontakte 8 Prozent.
Außerdem kletterte die Zahl der Überweisungen seit dem 1. Januar sprunghaft auf 300 bis 400 Prozent nach oben. Allerdings waren im vergangenen Jahr nur wenige Überweisungen der Ärzte notwendig. Jetzt werden sie von den Patienten benötigt, damit sie nicht beim Facharzt erneut zehn Euro entrichten müssen. Durch dieses neue Verfahren habe sich herausgestellt, dass viele Patienten nebenher noch von anderen Medizinern behandelt werden und von diesen Medikamente verschrieben bekommen, berichtete Jarmatz, der selbst praktizierender Arzt ist. Bereits eine Reihe von Fällen "problematischer Doppelverordnungen" sei dadurch entdeckt worden. Zum Teil seien diese sogar bedrohlich gewesen.
Als Vorteil bezeichnete es der Verbandssprecher, dass die Hausärzte nun ihre Funktion als Lotsen stärker wahrnehmen könnten. Den bürokratischen Aufwand für Überweisungen, zusätzliche Nachfragen und Praxisgebühr schätzt Jarmatz auf drei bis fünf Minuten.
Das aus 38 Verbänden und Organisationen der Gesundheitsberufe bestehende "Bündnis für Gesundheit 2000" ging mit der Gesundheitsreform derweil hart ins Gericht. Die Praxisgebühr etwa sei ein "markantes Beispiel für die zunehmende Bürokratisierung" des Gesundheitswesens. Statt der versprochenen Beitragssenkung und der Qualitätsoffensive seien bei der Gesundheitsreform "Nachbesserungen und Aufklärung notwendig geworden, um den Schaden zu begrenzen". Als "Besorgnis erregend" bezeichnet es das Bündnis in einer Erkläung, dass die wirklichen strukturellen Probleme - wie der Mangel an Ärzten und qualifiziertem Personal - in der gegenwärtigen Diskussion keine Rolle spielten.
Nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) sind die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Kassen im Dezember vergangenen Jahres um 616 Millionen Euro höher als im Monatsdurchschmitt 2003 ausgefallen. Damit seien die im Vorfeld der Gesundheitsreform erwarteten Vorzieheffekte eingetreten. Für die Apotheken habe es aber keine Ertragssteigerung gegeben, denn durch die Erhöhung der Zwangsrabatte an die gesetzliche Krankenversicherung sei der Wertschöpfungsanteil der Apotheken an den Arzneiausgaben um mehr als 520 Millionen Euro gesunken.
PRESSESTIMMEN
Neue Osnabrücker Zeitung
"Jedem war es bekannt lange vor Einführung der Praxisgebühr: Behandlungen beim Arzt verursachen Kosten, und die Ausgaben im Gesundheitssystem sind stetig gestiegen. Aber diese Binsenweisheiten werden manchem Patienten erst jetzt bewusst.
Mehr als zuvor überlegt er, ob wirklich ein Besuch beim Arzt nötig ist oder nicht. Zumindest dieser psychologische Effekt ist ein glasklarer Vorteil der Praxisgebühr.
Der rosa Zehn-Euro-Schein springt eben sichtbar ins Auge. Genau deshalb schimpfen viele Leute darüber auch lauter als über den schleichend höheren Beitrag, den die Krankenkasse vom Lohn abzwackt, nachdem sie zuvor in wohlgesetzten Worten die Steigerung kundgetan hat.
Ob sich die Praxisgebühr aber als nachhaltiges Steuerungsinstrument bewährt, ist damit nicht bewiesen. Sicherlich bremst sie unnötiges Ärzte-Hopping, wenn sich ein Patient gleich von zwei oder drei Medizinern eine Diagnose geben lässt. Aber in sozialen Härtefällen werden auch Krankheiten verschleppt.
Für statistisch fundierte Aussagen über die Wirkung der Gebühr ist es noch zu früh. Der Vergleich vergangener Monate gibt nur einen Trend an. Die Zahlen über weniger Arztbesuche im Januar und die im Dezember gestiegenen Kosten für Medikamente sind kaum aussagekräftig. Es handelt sich um eine Zeit des Übergangs.
Unabhängig davon wäre das Verständnis für die Zusatzbelastung längst gewachsen, wenn, ja wenn die von Ulla Schmidt versprochenen Beitragssenkungen erkennbar wären - und sei es auch nur am Horizont.
Danach sieht es aber derzeit nicht aus, auch weil die Reform durch Korrekturen verwässert wurde. Aber hohe Sozialgerechtigkeit und zugleich rapide sinkende Beiträge lassen sich schwer vereinbaren.
So jedoch bleibt weit verbreiteter Unmut, obwohl es sich bei der Einführung der Praxisgebühr nur um ein Reförmchen handelt - nicht um ein Patentrezept, um eine weitere Explosion der Kosten im Gesundheitswesen zu verhindern."
Westfälischer Anzeiger (Hamm)
"Nach Einführung der umstrittenen Praxisgebühr sind die Patientenzahlen in deutschen Arztpraxen deutlich gesunken. Sollten zehn Euro pro Quartal also wirklich eine kostendämpfende Wirkung entfalten? Wer diese Frage mit 'ja' beantwortet, setzt sich dem Verdacht aus, er gehöre womöglich dem Beraterstab von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt an. Denn mit Recht darf vermutet werden, dass es sich beim Patientenschwund in dieser Größenordung um einen Einmal-Effekt gehandelt hat. Kurz nach dem 1. März wird es wieder voller werden in den Praxen, wenn ... ja, wenn es die Praxisgebühr auf breiter Front dann überhaupt noch gibt."
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