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Beiträge Borderlie-Störung Borderline-Störung 14.03.2002
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"Ich hasse mich!" - Wenn seelische Verletzungen zu tiefen Wunden werden

Borderline-Erkrankung wenig erforscht und schwer behandelbar



Von ddp-Korrespondentin Brigitte Hannemann

Berlin (ddp). Sie hassen sich so sehr und durchleben so quälende Anspannungen, dass sie sich zur "Hilfe" selbst schwer verletzen - mit scharfen Messern oder brennenden Zigaretten. Borderline-Patientinnen können ihre Emotionen nicht regulieren. Sie durchleben große Stimmungsschwankungen und Situationen der eigenen Missachtung. Aus kleinsten persönlichen Enttäuschungen - die beste Freundin hat gerade keine Zeit - werden existenzielle Bedrohungen: "Keiner mag mich, keiner will mich." Folge dieser gestörten Emotionsregulation sind Selbstverletzungen, Selbstmordversuche, Drogenmissbrauch, Essstörungen und letztlich eine völlig instabile Lebenssituation. Die Ursachen dieser psychischen Erkrankung sind noch weitgehend ungeklärt. Rund zwei Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen - überwiegend Frauen zwischen 16 und 40 Jahren. "70 bis 90 Prozent der Patientinnen sind in ihrer Kindheit und Jugend physisch oder psychisch missbraucht worden", erläutert Class-Hinrich Lammers, Oberarzt der Borderline-Station an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Berliner Universitätsklinikum Benjamin Franklin. Auch in der weiblichen Stress- und Hormonregulation könnte eine Ursache liegen. Frauen sind häufiger von Erkrankungen des Gefühlslebens betroffen. "Borderline-Kranke haben es in ihrem Leben nie gelernt, mit ihren negativen Gefühlen konstruktiv umzugehen. Probleme, Ärger oder Enttäuschung führen schnell zu extremen Anspannungszuständen, die sich entweder gegen die eigene Person in Form von Selbstverletzungen, Suizidgedanken oder in Aggressionen gegen die Mitmenschen entladen", sagt Lammers. Hinzu komme eine ausgeprägte Kontaktstörung, die sich nicht zuletzt aus den Missbrauchserfahrungen erkläre. Obwohl sie eigentlich Nähe und Vertrauen suchten, fühlten sich Borderline-Kranke dadurch zugleich bedroht.

Die starken Stimmungsschwankungen, ständige Suizidgedanken und auch -versuche stellen Ärzte und Psychotherapeuten bei der Behandlung der Patientinnen vor große Probleme. Die Betroffenen verlangen meist sofortige und bedingungslose Beschäftigung mit ihrem Problem, um die angebotene Hilfe im nächsten Augenblick wieder abzulehnen. Die meisten haben bereits mehrere abgebrochene Therapien hinter sich.

Lammers und seine Kollegen arbeiten nach der so genannten Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBZ), die Anfang der 90er Jahre in den USA entwickelt wurde. Dazu gehören verschiedene therapeutische Strategien und Techniken insbesondere aus dem Gebiet der kognitiven Verhaltenstherapie, aber auch mediative Techniken des Zen-Buddhismus. "Borderline-Patientinnen müssen lernen, mit ihren starken, destruktiven Gefühlen und Gedanken anders umzugehen", erläutert der Mediziner. Während der dreimonatigen stationären Therapie werde in erster Linie die emotionale Belastbarkeit der Kranken erhöht. In Einzel- und Gruppengesprächen, aber auch bei der gemeinsamen Freizeitbeschäftigungen wird ihnen vermittelt, wie sie emotionale Spannungszustände "friedlich" abbauen können. Hierzu gehören Techniken wie Ablenkung, Abbau von Aggressionen, Problemlösung und Bearbeitung von negativen Gedanken. Ebenso wie die Patientinnen "Forderungen" an ihre Therapeuten stellen, ist ihre stationäre Behandlung an "Auflagen" gebunden. Sie müssen sich schriftlich verpflichten, dass sie während des Klinikaufenthalts keinen Suizidversuch unternehmen. Kommt es dennoch dazu, bedeutet das zumindest einen vorübergehenden Ausschluss aus dem Programm. "Ziel der Behandlung ist, dass die Frauen wieder ein Leben außerhalb der Klinik aufnehmen können", sagt Lammers. Dieses werde noch länger von einer ambulanten Psychotherapie begleitet.



Literaturhinweise zur Borderline-Störung

Jerold J. Kreisman, Hal Straus: «Ich hasse dich, verlass' mich nicht» Die schwarzweiße Welt der Borderline-Persönlichkeit«, Kösel, München (2000)

Heinz-Peter Röhr: »Weg aus dem Chaos«, Walter Verlag, Düsseldorf (1996)

Ewald Rahn: »Borderline. Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige«, Psychiatrie-Verlag, Bonn (2001)

Joachim Gneist: »Wenn Hass und Liebe sich umarmen. Das Borderline-Syndrom«, Piper, München (1997)

Birger Dulz, Angela Schneider: »Borderline-Störungen. Theorie und Therapie«, Schattauer, Stuttgart (1999)

Martin Bohus: »Borderline-Störungen«, Hogrefe Verlag, Göttingen (2002)

Gerhard Mell: »Mein Name ist Borderline 'Die Story'«, Wiesenburg Verlag (2000)

(c) ddp 11. März 2002

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