Von Petr Jerabek
Frankfurt(Main)/Hamburg (ddp). Als sie hilfsbedürftig war, wurde sie vernachlässigt, als sie am Boden lag, getreten. Etwas Apfelkorn und bis zu drei Liter Wein am Tag halfen Angelika Behnk, das Leben zu ertragen. «Es ist manchmal schwer, nüchtern zu sein», sagt sie selbst heute noch, fünf Jahre nach dem Schlussstrich. «Der Alkohol war eine Krücke, die mich von negativen Gefühlen befreit hat - doch er nahm mir auch die positiven Empfindungen.»
Trinken ist nicht nur Männersache. Etwa 30 Prozent der geschätzten 2,5 Millionen behandlungswürdigen Alkoholiker in Deutschland sind weiblich, wie Irmgard Vogt, Professorin für Sozialarbeit an der Fachhochschule Frankfurt, sagt. «Zu diesen 750.000 bis 800.000 Alkoholikerinnen kommt aber noch eine große Anzahl stark gefährdeter Frauen.»
Die Einstiegsformen sind unterschiedlich. Männer trinken unter sich, Frauen lassen sich oft vom anderen Geschlecht zum Trinken verführen, wie Vogt sagt. Statt Bier oder Schnaps kippten Frauen lieber Wein, Sekt oder softe Mix-Getränke. Unterschiede, die mit der Zeit keine Rolle mehr spielen: Irgendwann geht es nur noch darum, zu trinken.
Bei Behnk war das fast 25 Jahre so - mehr als ihr halbes Leben lang. Angefangen hat sie mit 15: «Mein Vater hat selber auch getrunken. In unserer Familie wurde sowieso ganz gerne und viel getrunken», erinnert sie sich. «Also war es nicht so schlimm, wenn ich es auch tat. In unserer Clique haben wir uns regelrecht die Birne bis zum Umfallen zugeknallt.»
Die Familie konnte es gar nicht bemerken, denn sie kümmerten sich kaum um die Tochter. Behnks Kindheit war geprägt von psychischer Gewalt, mangelnder Wärme und Zärtlichkeit, fehlender Anerkennung. Mit dem Alkohol betäubte sie sich. «Ich habe gemerkt, dass es mir nach dem Trinken besser ging und ich meine Ängste verlor.»
Ein recht typischer Weg in die Sucht, wie Vogt, die sich ausführlich mit Lebensläufen von Alkoholikerinnen beschäftigt hat, sagt. «Das Vorbild der Eltern spielt eine ganz entscheidende Rolle: Kinder aus Familien, in denen getrunken wurde, sind deutlich stärker gefährdet als andere.» Ein großer Teil der Alkoholikerinnen sei in ihrer Kindheit auch vernachlässigt oder sexuell missbraucht worden. Diese Frauen fangen der Wissenschaftlerin zufolge meist sehr früh an zu trinken und rutschen schnell ab.
Die zweite große Gruppe von Trinkerinnen konsumiere Jahre lang nur in Maßen und greife zwischen 40 und 50 plötzlich verstärkt zum Alkohol. «Es spricht einiges dafür, dass es einen Zusammenhang mit der Menopause gibt.» Meistens komme eine Krise in der Partnerschaft und im Beruf hinzu.
Die meisten Menschen werden Alkoholiker, weil sie in der Flasche ein Mittel zur Krisenbewältigung sehen, wie Vogt erklärt. Auch Angelika Behnk hat versucht, ihre Ängste und Sorgen mit Alkohol wegzuschwemmen. Bewirkt hat er das Gegenteil: Sie wurde gedemütigt, wurde Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt. Zwischenzeitlich arbeitete sie sogar als Prostituierte: Sie trank, um die Freier zu ertragen - und sie verkaufte sich an sie, um Geld für das Trinken zu haben.
Einige Monate vor ihrem 30. Geburtstag begann Behnk, ein bürgerliches Leben aufzubauen. Jahrelang gelang es ihr, die Sucht vor den Kollegen und dem Arbeitgeber zu verbergen. «Das ging sehr gut, auch weil ich allein gelebt habe. Da kann man viel geheim halten.» Zur Wende kam es erst 1996. Da sie immer mehr trank, ließ schließlich ihre Arbeitsleistung nach. Als sie schließlich der Personalchef darauf ansprach, war das für die technische Zeichnerin der nötige Anstoß. Aus Angst, den Job zu verlieren, begann sie eine Therapie. Seither ist sie trocken.
Die Chance, die Alkoholsucht zu bewältigen, ist nach Ansicht von Vogt gut: «Die meisten gehen gar nicht in Behandlung und finden Mittel und Wege, es selbst in Griff zu bekommen.» Mindestens ein Drittel aller Therapien gelinge, wobei Frauen etwas bessere Chancen hätten als Männer.
Nach der Entgiftung und mehreren Therapien hat sich Behnke nun einer Selbsthilfegruppe angeschlossen. Hier erfährt sie Zusammenhalt und Wärme. Zusätzlich hat sie sich eine weitere Möglichkeit geschaffen, ihre Alkoholsucht zu verarbeiten: Seit einigen Monaten veröffentlicht sie im Internet unter www.alkohlikerinnen.de Informationen über das Trinken.
Die Folgen des Alkoholismus sind für Frauen oft viel schwerer als für Männer. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde erkranken sie viel schneller an Leberzirrhosen oder Schädigungen des Zentralen Nervensystems mit Denk- und Konzentrationsstörungen. Auch das Krebsrisiko steigt drastisch an.
Angelika Behnk hatte nach ihrem Entzug zwar mit starken Depressionen, Angstzuständen und Panikattacken zu kämpfen, schwere körperliche Schäden wurden aber bisher nicht festgestellt. Daher genießt sie ihr neues Leben. «Ich kann jetzt wieder klar denken und empfinden. Ich spüre wieder alles.» Doch die 44-Jährige weiß auch, dass ihr Glück auf wackligen Beinen steht. «Wenn ich einen Schluck trinke, finde ich kein Ende. Bei mir fehlt der Schalter. Ich muss dann immer weiter trinken, bis ich umkippe.»
(c) ddp (19.04.01)
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