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von Thomas Greve
Vor drei Jahren war ich aufgrund einer psychischen Erkrankung und der Nebenwirkungen der damals verordneten typischen Neuroleptika sehr depressiv. Ich kapselte mich von der Außenwelt ab. Dabei ging es mir immer schlechter und ich konnte mich fast nicht mehr allein in meiner sonst so schönen Apartmentwohnung aufhalten, da ich immer trauriger wurde. Oft zog es mich zurück in die elterliche Wohnung, und das mit 28 Jahren. Damit stieg die Belastung meiner Eltern. Wir machten uns schon Gedanken über das Betreute Wohnen. Doch das wollte ich nicht. Dafür hing ich zu sehr an meiner Wohnung. Besonders die damit verbundene Freiheit wollte ich nicht aufgeben. Aber so richtig konnte ich sie nicht nutzen. Als Erwerbsunfähigkeitsrentner fühlt man sich irgendwie weggeschoben. So dachte ich damals.
Das mußte sich umgehend ändern...
Meine Eltern und meine jüngere Schwester halfen mir und ich zwang mich wieder dazu, die Tage zu planen. Es fing damit an, daß ich wieder regelmäßiger zum Spazieren nach Warnemünde fuhr. Zunächst in Begleitung meiner Mutter, später allein. Die frische Luft tat mir gut. Ich begann mich neu zu orientieren. Selbst meine Beschäftigung am Computer stellte ich auf den Prüfstand. Bislang war es nur Zeitvertreib und Unterhaltung. In Vergessenheit geratene Begabungen entdeckte ich wieder: z.B. das konzentrierte Arbeiten an einem Projekt. Meine erste eigene Homepage entstand. Über diese lernte ich andere PC-Anwender kennen, auch einen Webmaster, der nur 30 Kilometer von mir entfernt in Kühlungsborn wohnt. Meine Englisch- und HTML-Kenntnisse mußte ich auffrischen, schon wegen "HotDog", einem englischsprachigen Profi-Programm für Web-Seiten.
Und plötzlich - aus eigenen Kräften...
und vielleicht auch mit Hilfe der vorgenommenen Medikamentenumstellung auf ein atypisches Neuroleptika kam der Ruck, ich wollte mich von jetzt an auch mit Leuten vor Ort treffen und austauschen. So lernten meine Mutter und ich den Koordinator des Landesverbandes MV der Angehörigen und Freunde psychisch Kranker e.V. (LApK), Roland Hartig, kennen. Er berichtete, daß der Verband im Rahmen der Selbsthilfe eine Zeitung herausbringt. Auch stellte er mir die Internetausgabe vor. Später würde eine Mailingliste hinzukommen. Nicht nur das, ein Online-Café entstehe gerade im Haus. Ansprechpartner ist der Partnerverein "Kontakt halten e.V." Genau das Richtige für mich, sagte ich mir. Schließlich bin ich gelernter Datenverarbeitungskaufmann und verfüge über Internet-Erfahrungen.
Mein Interesse an ehrenamtlicher Mitarbeit wurde wieder geweckt
Damit ich einen regelmäßigen Anlaufpunkt dort hatte, vereinbarten wir anfangs wöchentlich zwei feste Termine. Als Mitglied im Arbeitskreis Online-Café wartete und reparierte ich Computer und half Neueinsteigern beim Umgang mit der Computersoftware. Heute betreue ich von Zeit zu Zeit ehrenamtlich im neu eingerichteten "Atelier Lichtblick" des LApK die Lichtblick-Homepage, die Mailingliste und beim Verein Kontakt halten das Internet-Café. Inzwischen ermöglichte mir der LApK durch die Vermittlung eines Sponsors den Besuch eines Computerlehrgangs im Bereich Novell-Netzwerke. Trotz anfänglicher Lernblockaden habe ich die Prüfung zum internationalen Zertifikat "Certified Novell Administrator 5.0" geschafft. Darauf bin ich stolz, auch darauf, daß ich den fast einjährigen Kurs nicht abgebrochen habe.
Schließlich weiß ich, was ich heute will:
Nichts verpassen, mitreden, dabei sein! Und auf wichtige "Sicherheitsgurte" kann ich mich verlassen: auf meine Freunde, meine Eltern, meine Schwestern, meine Psychiaterin und last but not least, auf mein Medikament. Und Jetzt? Seit circa einem Jahr habe ich einen 630-Mark-Job in einem Call-Center. Sicher werden Sie sich jetzt fragen, ob der Weg in die Re-Integration immer so einfach war, wie es nach meiner Schilderung scheint. Das muß ich mit einem klarem "Nein" beantworten. Zum Beispiel wollte ich schon immer wieder, möglichst in meinem Beruf als Datenverarbeitungskaufmann, arbeiten. Doch meine Belastungsfähigkeit war bis vor circa einem Jahr noch so niedrig, daß ich nicht an eine geringe Beschäftigung denken konnte. Es gab Tage, an denen
wollte und wollte nichts gelingen. An anderen Tagen konnte ich bis zu sechs Stunden konzentriert arbeiten. Deshalb freute ich mich auch über die Angebote ehrenamtlicher Mitarbeit, da ich dort keinem Leistungsdruck ausgesetzt war und meine Zeit frei einteilen konnte. Damals kam mir auch die Idee freiberuflich z.B. in einer Web-Agentur mitzuarbeiten, wo ich mir ebenfalls die Zeit frei einteilen könnte. Doch leider unterbindet der Gesetzgeber solche selbständigen Unternehmungen und droht mit Aufhebung der Erwerbsunfähigkeitsrente. Ich möchte unser heutiges Forum nochmals nutzen, den LApK MV und meinem Sponsor zu danken, die mir die Möglichkeit gaben, mich fortzubilden, obwohl ich derzeit erwerbsunfähig berentet bin. Sie wissen sicherlich, daß man als Rentner keine Zuschüsse für Weiterbildungen vom Arbeitsamt, Berufsgenossenschaft, Rententrägern und ähnlichen Institutionen erwarten darf. Deshalb möchte ich hier fragen, ob wir nicht gemeinsam eine Stiftung ins Leben rufen können, die psychisch erkrankten Menschen Zuschüsse zu Bildungsmaßnahmen finanziert.
Autor T. Greve: Thomas.Greve@tgsoft-hro.de
leicht gekürzt, d.R., vorgetragen am 5.5.2001: Kongress Forum für Psychosoziale Rehabilitation im CCH Kongress Centrum Hamburg,
Satelliten-Symposium der Lilly Deutschland GmbH, "Der Einsatz neuer Medien bei der Re-Integration psychisch Kranker"
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