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Beiträge (Gesamtübersicht) Stigma-Management Redaktion 17.09.2002
Die ver-RÜCKTE Filmnacht

Schizophrenie - Fragen und Antworten
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Hans Weingartner zum Thema Schizophrenie und "Das weisse Rauschen"
Der Veranstalter
VORURTEILE
Cinestar METROPOLIS, Frankfurt/Main, 24. März 2002
"Ver-rückte Filmnacht - Gegen die Bilder im Kopf"


Was geht mich Schizophrenie an?

Schizophrenie kann jeden treffen zu jeder Zeit: Einer von 100 Menschen erkrankt einmal in seinem Leben an Schizophrenie. Damit ist die Erkrankung weiter verbreitet, als gemeinhin angenommen wird. Weltweit sind etwa 60 Millionen Menschen betroffen, in Deutschland sind dies rund 800.000. Die steigende Prävalenz psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung hat dazu geführt, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) diese zur Krise des 21. Jahrhunderts erhoben und zum Schwerpunktbereich ihrer Arbeit erklärt hat.

Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen. Ihre soziale Schicht und Hautfarbe spielen dabei keine Rolle. Die Schizophrenie kann in jedem Lebensalter ausbrechen meist aber zwischen der Pubertät und dem 30. Lebensjahr. Gerade in dieser Phase des Erwachsenenwerdens erhöht sich oftmals die Verletzlichkeit der Psyche, die sogenannte Vulnerabilität. Schon kleinste Stresssituationen können hier zum Auslöser der Krankheit werden.


Ist Schizophrenie eine Persönlichkeitsspaltung?

Oft wird angenommen, bei der Schizophrenie handele es sich um eine Persönlichkeitsspaltung. Viele denken dabei an Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Doch diese Vorstellung hat mit dem Krankheitsbild Schizophrenie nichts zu tun.

Schizophren Erkrankte leben in zwei subjektiven Wirklichkeiten. Neben der Realität existiert für sie eine konstruierte wahnhafte Parallelwelt. In der Psychose verändert sich die Realitätswahrnehmung und das Erleben der eigenen Person stark. Die gesteigerte Phantasietätigkeit der Betroffenen in dieser Phase der Erkrankung führt dazu, dass sie nicht mehr zwischen Realität und Gedankenwelt unterscheiden können. Auf diese Weise werden ständig neue Erlebniswelten erschlossen und Sinneseindrücke wahrgenommen, die für Gesunde nicht mehr nachvollziehbar sind.


Wo liegen die Ursachen der Erkrankung?

Die genauen Ursachen der Schizophrenie sind bis heute unklar. Allerdings geht man nach derzeitigen Erkenntnissen davon aus, dass mehrere Faktoren die Krankheit auslösen können. Meist gehen dabei sowohl erbliche und biologische als auch umweltbedingte Ursachen Hand in Hand.

Aus biochemischer Sicht geht man von einer ursächlichen Störung des Dopamin-Stoffwechsels im Gehirn aus. Dopamin ist ein Neurotransmitter, also ein Botenstoff, der wichtige Informationen von einer Schaltstelle zur anderen leitet und insbesondere für die Verarbeitung von Reizen verantwortlich ist, die aus der Außenwelt kommen. Wenn dieser Stoffwechsel gestört ist, also z.B. zuviel Dopamin ausgeschüttet wird, dann können die Außenreize nicht mehr richtig verarbeitet werden. Es kommt zu einer "Überwahrnehmung", weil die Informationen nicht mehr gefiltert und sortiert werden. Das führt dazu, dass bestimmte Gehirnregionen überbeansprucht sind und dementsprechend aktiv werden.

Darüber hinaus - sozusagen additiv - können schwere seelische Belastungen den Ausbruch der Krankheit begünstigen, wie beispielsweise der Verlust einer nahestehenden Person, eine Prüfung oder Liebeskummer. Eine große Rolle spielt dabei die sogenannte Vulnerabilität. Die einen reagieren von Geburt an verletzlicher auf äußere Belastungen als andere. Das kann sich einerseits so äußern, dass jemand von Natur aus sehr sensibel, einfühlsam und phantasiebegabt ist, andererseits durch Stresssituationen wie beispielsweise die Phase des Erwachsenwerdens in eine Psychose gerät.

Auch genetische Vorbelastung kann von wesentlicher Bedeutung sein: In betroffenen Familien liegt die Wahrscheinlichkeit, an Schizophrenie zu erkranken, um 10 Prozent höher als beim Durchschnitt der Bevölkerung.


Wie äußert sich die Schizophrenie?

Das Krankheitsbild ist in seinen Ausprägungen sehr vielschichtig und charakterisiert durch das Auftreten verschiedener Symptome. Diese können plötzlich oder schleichend auftreten. Bei den Anzeichen einer Schizophrenie unterscheidet man im Wesentlichen zwischen einer Positiv und Negativ-Symptomatik. Hinzu kommen depressive Symptome und kognitive Defizite, die die Erkrankten zusätzlich beeinträchtigen.

Die Positiv-Symptomatik kennzeichnet die Akutsituation, also die akute schizophrene Psychose, die ein Patient durchlebt. Zu den Positiv-Symptomen zählen akustische und visuelle Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Denkstörungen. Dieses "Mehr" an Denken und Fühlen führt oftmals zu Verhaltensweisen, die für Außenstehende zunächst bizarr und unverständlich erscheinen. Halluzinationen, die während der Psychose auftreten können, sind subjektive Sinneswahrnehmungen, die ganz ohne Bezug zu äußeren Sinnesreizen auftreten. Die Patienten riechen, sehen, hören oder schmecken Dinge, die eine andere Person nicht feststellen kann. Besonders charakteristisch sind akustische Halluzinationen in Form des Stimmenhörens. Die Erkrankten vernehmen Stimmen, die sich über ihn und auch mit ihm unterhalten, seine Gedanken und Handlungen begleiten und kommentieren. Diese Stimmen können bekannt oder unbekannt sein, von Toten oder Lebenden, freundlich oder bedrohlich. Zuweilen flößen die Stimmen dem Betroffenen Angst ein ("gleich passiert Dir etwas") oder beschimpfen ihn ("Du Versager"). Eine große Gefahr geht von den Befehlsstimmen aus, die den Erkrankten dazu auffordern, nichts mehr zu essen oder sich das Leben zu nehmen. Dies führt auch zu starkem Misstrauen der Erkrankten gegenüber ihrer Umwelt.

Die langfristigen Beeinträchtigungen, die dem Patienten durch die Krankheit entstehen, werden unter dem Begriff der Negativ-Symptomatik zusammengefasst. Diese sind gekennzeichnet durch ein "Weniger" an Antrieb, Interesse und Emotionen. Immer mehr zieht sich die Betroffenen zurück, werden sonderbar und misstrauisch. Oft vernachlässigen sie Aussehen, Beruf und Kontakte.

Kognitive Defizite sind ein weiteres Merkmal der Erkrankung. Bei einem Großteil der Erkrankten ist die Fähigkeit zu strukturiertem Denken beeinträchtigt. Die Betroffenen sind oftmals nicht mehr in der Lage, sich zu konzentrieren. Das Denken und damit das Sprechen werden zusammenhanglos, es kommt zu ldeensprüngen und für die Außenstehenden ist kein logischer Zusammenhang mehr erkennbar. Darüber hinaus leiden viele Betroffene zusätzlich unter depressiven Symptomen, die bereits oftmals zu Beginn der Erkrankung auftreten.


Sind Schizophrene unberechenbar und gefährlich?

Wie kaum bei einer anderen Krankheit ist in der Bevölkerung noch immer das Bild des unberechenbaren und aggressiven Irren weit verbreitet. Doch entgegen dieser landläufigen Vorurteile und Meinungen sind schizophren erkrankte Menschen nicht gefährlicher als der Durchschnitt der Bevölkerung. An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass auffällig aggressives Verhalten schizophren Erkrankter nur dann auftritt, wenn diese unbehandelt bleiben und in der Regel bereits sozial ausgegrenzt sind.


Ist Schizophrenie heilbar?

Schizophrenie ist gut behandelbar. Etwa ein Viertel der Betroffenen erlebt nur eine oder weniger Krankheitsepisoden und gilt als geheilt. Mit Hilfe neuer Medikamente, den atypischen Antipsychotika (atypisch = ohne die Nebenwirkungen der alten Medikamente wie schwerwiegende Bewegungsstörungen oder Speichelfluss oder kognitive Beeinträchtigung), kann die Rückfallquote um weitere zehn bis zwanzig Prozent gesenkt werden. Gleichzeitig helfen sie das Suizidrisiko der Patienten zu verringern.

Diese moderne medikamentöse Therapie hat immer die Verbesserung der Lebensqualität zum Ziel. Aufgrund ihrer guten Verträglichkeit lassen sich Gehirnfunktionen normalisieren und die typischen Symptome so weit verbessern, dass die Erkrankten lernen, sich im Alltag zurechtzufinden. Auf diese Weise wird ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis geschaffen, das grundlegend für eine erfolgreiche Therapie ist.

Doch nicht allein die medikamentöse Behandlung, auch die Mithilfe der Angehörigen spielt eine wichtige Rolle bei der Verbesserung der Lebensqualität der an Schizophrenie erkrankten Menschen. Angehörige, Freunde und die Umwelt können einen erheblichen Teil dazu beitragen, dass die Patienten nach dem Klinikaufenthalt wieder weitgehend normal leben können.


Können schizophren Erkrankte in das "normale" Leben zurückkehren?

Die verbesserten medikamentösen Möglichkeiten leisten einen wesentlichen Beitrag, dass die Betroffenen den Weg zurück in ein "normales" Leben finden können. Die gute Wirksamkeit und Verträglichkeit der atypischen Antipsychotika erlaubt es den Patienten ihr Leben selbst zu gestalten - ohne hierbei größere Einschränkungen hinnehmen zu müssen. Vielleicht wird der Schizophrenieerkrankte seine Lebensträume nicht völlig verwirklichen, aber so nah wie möglich an die individuell gesteckten Ziele herankommen können.

Dafür muss die Umwelt ihnen mehr Rückzugsmöglichkeiten einräumen als gesunden Menschen und sie auf keinen Fall unnötig unter Druck setzen. Gleichzeitig dürfen die Erkrankten aber auch nicht vor zumutbaren Belastungen geschont werden.


Was können wir tun?

Hartnäckig halten sich Vorurteile gegenüber schizophren erkrankten Menschen in den Köpfen der Öffentlichkeit. Schizophrene als Untermieter, als Babysitter? - Kaum einer mag sich dies vorstellen, so die Ergebnisse einer aktuellen Studie der Universität Leipzig. Mit Unverständnis, Angst und Ablehnung wird den schizophren Erkrankten in der Regel begegnet.

Wie aus Gesprächen mit Betroffenen hervorgeht, leiden die Patienten unter dieser Ausgrenzung und Stigmatisierung mehr als unter den Symptomen ihrer Krankheit selbst. Dabei brauchen die Erkrankten gerade unser Verständnis und unsere Unterstützung, um den Weg zurück in ein "normales" Leben zu finden.

Es ist an der Zeit, die Tabus über dieses Krankheitsbild zu brechen und die eigene Perspektive zu ver-rücken. Nur so kann in der Gesellschaft ein Klima geschaffen werden, in dem Kranke und ihre Familien von dem Stigma befreit werden, das auf der Krankheit Schizophrenie lastet.





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