Ich weiß, was mir gut tut; ich bin aktiver Partner im Prozeß
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Mein folgender Erfahrungsbericht soll kein Patentrezept für andere sein. Er schildert meinen Weg aus Depression und Psychose. Vielleicht macht er einigen Betroffenen Mut oder gibt ihnen Hoffnung. Über Diagnosen, Medikamente oder negativen Erfahrungen in der Psychiatrie werde ich nicht berichten, weil ich solche Erfahrungen selbst nicht gemacht habe.
Im Jahre 1989 kamen private und berufliche Probleme auf mich zu, die ich alleine nicht mehr bewältigen konnte. Ein befreundeter Arzt half mir ambulant so gut es ging. Es wurde nicht besser, sondern immer schlimmer. Klare Gedanken konnte ich nicht mehr fassen und ich fing an zu grübeln. Das Leben war mir zur Last geworden. Ich fühlte mich krank und kaputt, doch der Wunsch nach Genesung war da. Um den Heilungsprozess zu beschleunigen ging ich stationär in das Marienhospital in Bonn. Mein erster Gedanke, nachdem die Eingangstür ins Schloss gefallen war; hier kommst du nie wieder raus. Nach einigen Wochen Therapie fühlte ich mich wieder gut und war voller Tatendrang. Einige von meinen Problemen konnte ich aus der Klinik heraus lösen. Am Tag der Endlassung konnte ich noch nicht ahnen, wie schwer mir die folgenden Jahre fallen würden.
In den letzten elf Jahren war ich dann noch einmal einige Wochen stationär in Bonn. Im Antonius-Krankenhaus Waldbreitbach war ich viermal für mehrere Wochen in Therapie. Von Andernach kenne ich nur die Tagesklinik, in der ich vier Monate meines Lebens verbrachte. Vier Jahre wohnte ich im betreuten Wohnen, der AWO, in einer WG. Zwei Jahre davon ging ich parallel dazu in die Tagesstätte und auch regelmäßig in die KIS. Mit dieser Aufzählung möchte ich ihnen nur verdeutlichen, dass ich die meisten Angebote für seelisch kranke Menschen kennen gelernt und genutzt habe, um wieder stabil zu werden und zu bleiben.
In Waldbreitbach lernte ich vor über fünf Jahren meine Lebensgefährtin Beate kennen. Wir waren beide auf der geschlossenen Station Martin. Uns ging es beiden sehr schlecht. Trotz Widerstand der Ärzte wurden wir zu einem Paar. Vom Pflegepersonal wurde unsere Bindung toleriert. Beate ging von der Klinik aus in ein Heim für seelisch behinderte Menschen, weil sie sonst keine andere Lösung für sich sah, um wieder gesund und lebensfroh zu werden.
Bei meinem ersten Besuch im Heim machte ich eine der positivsten Erfahrungen in der Psychiatrie. Mir wurde spontan angeboten, an den Wochenenden im Heim zu übernachten. Beate hatte ein Einzelzimmer. Dies hat letztendlich die Beziehung gefördert. Nach zwei Jahren zog Beate, wieder fit fürs Leben, zu mir in die WG. Das Zimmer wurde für sie so lange reserviert, bis sie sich zu diesem wichtigen Schritt durchgerungen hatte. Die war wieder eine wertvolle Erfahrung. Das Zimmer in der WG war dadurch einige Monate blockiert.
Dieser kurze Lebenslauf soll nur aufzeigen, dass ich fast Arten von Einrichtungen, die es in der Psychiatrie gibt, aus eigener Erfahrung, kennen und auch etwas beurteilen kann. Knappe neun Jahre habe ich mir jede Hilfe gefordert, die mir nützlich schien, um wieder gesund zu werden. Die Arbeitsstellen hatte ich alle verloren, weil meine damaligen Arbeitgeber wenig Verständnis für die Erkrankung hatten. Ich beschloss, nach Rücksprache mit meinem Facharzt und dem PSD, die Rente einzureichen. Die Rente gab mir Sicherheit und mit mir ging es bergauf. Heute arbeite ich einige Stunden in einem Naturkostladen der Firma Projekte.
Schon 1995 in der Klinik hatte ich den Wunsch, eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit seelischen Problemen zu gründen. Ein Jahr später gründeten wir in Neuwied die Gruppe "Leben mit der Angst", die es heute noch gibt, in der ich aber nicht mehr aktiv bin, weil es meine Zeit nicht mehr zulässt. Zwei Jahre nach Gründung der Gruppe lernte ich Herrn Krolla, den damaligen Vorsitzenden des LVPE Rheinland-Pfalz, kennen. Seine Berichte über Veränderungen in der Psychiatrie, zum Wohle von Betroffenen, machten mich sehr neugierig. Ich trat ein und wurde mit einem Bekannten zusammen für die PSAG vorgeschlagen und auch in die PSAG, Neuwied gewählt. Die Profis mussten sich an uns gewöhnen und wir uns an die Profis. Sie saßen auf der anderen Seite. Einige von ihnen noch mit der Einstellung, "Wir sagen euch schon, was das beste für euch ist". Im Vorfeld musste es erhebliche Widerstände gegen Betroffene in der PSAG gegeben haben. Dies erfuhren wir allerdings erst viel später. Oft hatten wir das Gefühl nicht richtig verstanden zu werden. Uns ging es um positive Veränderungen. Wenn wir Vorschläge machten fühlten sich einige Profis auf den Schlips getreten, nur weil wir Mängel oder Defizite in der Versorgung aufzählten. Dabei ging es nicht um Kritik, sondern wir machten auch Vorschläge für mittelfristige Veränderungen. Die Zeit in der PSAG kosteten mich immer viel Kraft und Nerven. Heute ist es ein konstruktives Miteinander.
Die Profis sehen in uns nicht mehr die schwachen Kranken, sondern behandeln uns als Partner. Wir werden respektiert und unsere Meinung ist gefragt. Dies alles baute natürlich mein Selbstwertgefühl auf. Natürlich merkte ich sehr schnell, dass Veränderungen nicht in der PSAG, sondern durch die Politik auf den Weg gebracht werden.
Ich trat in die Partei der Bündnis 90/Die Grünen ein. Beate begleitete mich zur ersten Versammlung, weil ich Angst hatte, dorthin zu gehen. In diesem Kreis hatte ich die wenigsten Schwierigkeiten unter den sogenannten "Gesunden". Über meine Erkrankung redete ich offen und ich wurde auch hier als Partner angesehen. Atom- und Umweltpolitik interessierte mich nur am Rande. Mein Thema war gemeindenahe Psychiatrie, also Sozialpolitik. Nach einigen Monaten wurde ich auf eigenen Wunsch auf einem hinteren Platz für die Kreistagswahl aufgestellt. In den Kreistag wurde ich nicht gewählt, jedoch gelang es mir, als Stellvertreter in den Sozialausschuss des Kreistages zu gelangen. Hier wurde die Luft für mich schon dünner. Auch hier redete ich offen über meine Situation, doch die Vertreter der anderen Parteien waren zwar höflich, aber sehr distanziert, vielleicht lag es aber auch daran, dass ich ein Grüner bin! Der Landrat behandelte mich mit Respekt, nur mit unserem Sozialdezernenten gab es wieder heftige Diskussionen, wie immer wenn es um Geld für Veränderungen geht. Ob ich hier etwas bewirken kann, muss die Zeit bringen. Es ist ja auch für manche Bürger eine Zumutung, wenn "psychisch Kranke" jetzt schon in Gremien vertreten sind, die über ihre Zukunft mit entscheiden. Für mich war eine wichtige Hürde genommen. Wie viel Angst und Nerven dies alles gekostet hat, ist für mich nur schwierig zu beschreiben.
Parallel dazu veranstalteten wir Diskussionsabende, in denen wir auf unsere Situation und die Unterdeckung der Kontaktstelle aufmerksam machen wollten. Wir hatten Angst, die KIS, die für uns alle wichtig ist, könnte aus Geldmangel an Qualität verlieren.
Wir luden Kommunalpolitiker und auch Vertreter von Krankenkassen zu mehreren Veranstaltungen ein. Auch die Presse war vertreten. Nach den Veranstaltungen erkannten wir schnell unser Problem. Wir haben keine Lobby. Meine Idee kam ganz spontan. Wie es in Deutschland üblich ist, mussten wir einen eigenen Verein gründen. Über diesen Verein konnten wir dann Lobby- und Aufklärungsarbeit machen. Die Idee stieß auf anhieb bei Angehörigen, Profis und Betroffenen auf große Resonanz. Am 20.05.99 gründeten 58 Menschen und Institutionen den "Förderverein gemeindenahe Psychiatrie im Kreis Neuwied". Der Kreis Neuwied gab uns eine großzügige Starthilfe und ist heute auch Mitglied in unserem Verein.
Im ersten Psychiatriebericht steht die Empfehlung, dass wir vom Kreis gefördert werden. Wir hatten ein weiteres wichtiges Ziel erreicht.
Das besondere an unserem Verein ist, dass der geschäftsführende Vorstand aus 8 Betroffenen und einem Angehörigen besteht. Alle Posten sind zur Sicherheit dreifach besetzt. Die Profis sitzen im erweiterten Vorstand und haben beratende Funktion. Den bisherigen größten Erfolg haben wir mit der Zusage des Sozialministeriums in Mainz erreicht, dass im nächsten Landesbehindertenplan, seelisch- u. geistig behinderte Menschen getrennt erfasst werden. Heute hat der Verein 121 Mitglieder, darunter der Kreis Neuwied, die VHS Neuwied, die AWO Neuwied, die Behinderten u. Seniorenhilfe, Fa. Projekte, das St. Antonius-Krankenhaus Waldbreitbach, die Barmherzigen Brüder in Saffig und einige Firmen. Acht Fachärzte unterstützen uns auch durch ihre Mitgliedschaft. Auch im Kreis Mayen-Koblenz setzen wir uns aktiv ein. Ich habe den Landrat ihres Kreises wegen einer Tagesstätte mit Kontaktstelle im Raum Andernach-Mayen angeschrieben. Im Kreis Neuwied wollen wir uns für eine stationäre Kinder- u. Jugendpsychiatrie einsetzen. Auch das Thema Familienpflege ist schon angedacht worden.
Meine Schilderungen bis hier her mögen sich sehr locker anhören, oder auch nicht, ich weiß nicht wie nervös ich am Tage des Referates bin. Gerade in den letzten drei Jahren stieß ich manchmal an die Grenzen meiner Kräfte. Wenn ich dies merkte, ließ ich es ruhiger angehen, den Druck mache ich mir ja selbst. Ich selbst bestimme, wie viel ich mache. Zur Vorsicht war ich allerdings im letzten Jahr auch schon mal in der Klinik. Ich musste lernen, meine Kräfte dosiert einzusetzen, die Garantie, noch einmal instabil zu werden habe ich jedoch nicht. Sowohl Therapie als auch Medikamente helfen mir dabei. Den schwersten Teil, um mit der Krankheit leben zu können, musste ich allerdings selbst leisten. Ohne die Hilfe von Außen und die Einsicht in meinem Leben etwas verändern zu müssen, hätte ich dies nicht geschafft.
Nach meiner Meinung und auch Erfahrung ist die gesamte Psychiatrie im Umbruch. Trialog ist angesagt. Wir können alle voneinander lernen und auch profitieren.
Sicher mag es für einen Profi, der dreißig Jahre und mehr in der Psychiatrie tätig ist, schwer sein sich umzustellen. Es ist leichter und geht schneller, etwas selbst in die Hand zu nehmen, als einem Betroffenen immer wieder neu zu erklären und anzuleiten. Die Profis oder auch Angehörigen, die meinten zu wissen, was das Beste für uns sei, sind allerdings auf einem gefährlichen Holzweg. Viele Betroffene, die ich kenne, wissen mittlerweile selbst, was ihnen hilft und gut tut. Menschen, die über Jahrzehnte unselbständig erzogen wurden, können nicht von heute auf morgen selbständig und auch selbstbewusst werden. Dafür bin ich selbst das lebendige Beispiel.
Nur gemeinsam können wir das Bewusstsein in den Köpfen von Politikern oder auch Führungskräften der Krankenkassen ändern. In der Psychiatrie müssten etwas andere Gesetze gelten, als bei anderen Erkrankungen. Pflege und behandeln kostet Zeit. Zeit kostet Geld. Am Geld alleine dürfen positive Veränderrungen nicht scheitern. Deutschland gehört zu den reichsten Ländern der Welt.
Eine weitere Gefahr sehe ich darin, dass viele auf Ehrenämter setzen. Vieles ist natürlich gut. Von SHG wird zum Teil gute Arbeit geleistet. Alle Welt ist auch voll des Lobes, solange es nichts kostet. Schon bei geringen Kosten für z.B. Fortbildungen ist niemand zuständig. Ehrenamt ist wichtig, kann jedoch keine Profiarbeit ersetzen, sondern höchstens ergänzen. Ehrenamt kann nach meiner persönlichen Meinung auch wichtige Arbeitsplätze kosten.
Der Konkurrenzkampf unter den einzelnen Institutionen ist ein weiterer wichtiger Faktor. Bei vernünftiger Vernetzung könnte in der Psychiatrie mehr erreicht werden, als wenn jeder alles anbietet.
Heute weiß ich, was es heißt, dass jede Krise die Chance für einen Neuanfang ist. Vor einigen Jahren hätte mir dieser Spruch nichts gesagt. Durch meine Krise habe ich auch den Weg zu Gott wieder gefunden. Er war und ist mein heimlicher Verbündeter.
Mit einem weiteren Spruch, den sich der LVPE - Rheinland-Pfalz und der Bundesverband der Psychiatrieerfahrenen zu eigen gemacht haben, möchte ich mein Referat beenden. Er stammt aus China und lautet "Willst Du etwas wissen, so frage einen Erfahrenen und keinen Gelehrten."
Wolfgang Kluck, Beringstr. 39, 56564 Neuwied, Telef./Fax: 02631/35 45 61
E-Mail: vorstand@psychiatrieimkreisneuwied.de
Vorgetragen: Fachpflegekongress am 31.05.00 in der Mittelrheinhalle Andernach. Veranstalter: RMF, Andernach.
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