Professor Dr. Ulrich Hegerl: Internet verändert das Arzt-Patienten-Verhältnis
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naps-Bericht (vom 12. April 2001)
First International Symposium on Internet and Psychiatry / Benefits - Risks - Perspectives
5th bis 6th April 2001 / Department of Psychiatry: Ludwig-Maximilians-University Munich
naps/rh: In Sachen Internet ist die Psychiatrie auf dem besten Wege, sich nicht mehr nur als klassisches Teilgebiet der Medizin, sondern auch als virtuelles Aufklärungs- und Kommunikationsangebot zu positionieren. Dazu erklärte Professor Dr. Ulrich Hegerl anlässlich des Weltgesundheitstages auf dem Internationalen Symposium "Internet und Psychiatrie'' an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München: "Dieses Medium verändert das Arzt-Patienten-Verhältnis. Vor allem stärkt es die Position des Patienten." Mediziner, Patienten, Angehörige und Interessierte können gleichermaßen auf eine Vielzahl von virtuellen Gesundheitsinformationen zugreifen. Dabei geht es vor allem um den inhaltlichen "Mehrwert" der Angebote sowie um verständlichere Informationen, die auch helfen, Schwellenängste abzubauen. Schätzungen sprechen weltweit von 22 Millionen Webseiten zu Gesundheitsthemen. Alleine im deutschsprachigen Internet seien auf bis zu 20 000 Seiten psychiatrische Themen zu finden, erklärte Kongressleiter Professor Hegerl.
Chancen und Risiken
Im Internet sehen die Experten eine Chance für psychisch Kranke. Die Anonymität dieses Mediums ermögliche Patienten die leichtere Kontaktaufnahme zu Beratungsstellen, sagte der Psychiater Hegerl. Gleichzeitig verwies er auf die zahlreichen Selbsthilfeprojekte im Netz: Communities, Chat-Foren, aber auch Webseiten und Newsletter, wie z.B. der von Lichtblick-newsletter.de, bieten Information, Austausch und Hilfe. Auch die Psychiatrie ist präsent: Auf der Homepage des bundesweiten Großforschungsprojektes Kompetenznetz "Depression" können z.B. Internet-User einen "Selbsttest" ausfüllen und erfahren online, ob sie möglicherweise unter einer behandlungsbedürftigen Depression leiden. "Der Weg zum Arzt ist für diese Menschen dann der nächste Schritt." In diesem Zusammenhang sprach Hegerl von ersten Synergie-Effekten zwischen gesundheitlicher Aufklärung via Internet und ärztlicher Primärversorgung. Doch eine wissenschaftliche Auswertung fehle bislang. Aber schon jetzt sei klar: "Das neue Medium kann den direkten Kontakt zwischen Medizinern und Patienten nicht aufheben", betonte Hegerl.
Robert Kennedy, Chefredakteur von Medscape Psychiatry & Mental Health, verwies auf die Tatsache, dass jeder im Web publizieren kann. Deshalb sei es wichtig, Angebote nach Qualität und Glaubwürdigkeit durch unabhängige Gremien bewerten zu lassen. Einen Beitrag zur Zertifizierung soll z.B. das Projekt MedCERTAIN leisten, das von der Europäischen Union gefördert und von Dr. Gunther Eysenbach, Universität Heidelberg, geleitet wird. Um das MedCERTAIN-Logo auf einer Webseite führen zu dürfen, muss der Anbieter zuvor seine Daten offen legen: z.B. wer betreibt die Seite, welche Qualifikation haben die Autoren, wer ist Sponsor, welchem Zweck dient das Angebot. Es geht, was die Zielrichtung und Motivation des Anbieters angeht, um mehr Transparenz, so Dr. Gunther Eysenbach. Das "Level 1" Gütesiegel ist vergleichbar dem Impressum einer Zeitschrift. Bei "Level 2" werden zusätzlich Plausibilität und Aktualisierung geprüft. Für die höchste Zertifizierung, "Level 3", checken externe Experten die Qualität der medizinischen Inhalte. Ende des Jahres soll das gestaffelte Gütesiegel herauskommen.
Wenn das Internet zur Sucht wird ...
Auch mit den Auswirkungen übermäßiger Internet-Nutzung beschäftigten sich die Kongressteilnehmer. So stellten Wissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München in ihrer Befragung von 1999/2000 fest, dass bei einer Auswertung von knapp 1.000 Fragebögen die Kriterien einer Internetabhängigkeit auf 4,6 Prozent aller Umfrage-Teilnehmer zutrafen. Symptome waren u.a. der Verlust der Kontrolle über die Zeit online, Schuldgefühle beim Surfen sowie der Wunsch, vom Internet loszukommen. "Da an der Untersuchung vermutlich verstärkt Menschen mit Problemen bei der Internet-Nutzung teilgenommen haben, ist die Zahl der tatsächlich »Internet-Süchtigen« deutlich niedriger als 4,6 Prozent anzusetzen", erklärte Projektleiter Dr. Oliver Seemann. Seit 1998 werden Menschen, die unter einer Internet-Abhängigkeit leiden, im Rahmen einer Internetsucht-Ambulanz an der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität behandelt.
"Cyber-Docs" mit Online-Therapie und Kassenzulassung?
"Cyber-Docs" mit Online-Therapie und Kassenzulassung werde es in Deutschland in näherer Zukunft nicht geben, erklärte Dr. Patrick Bussfeld, Mitinitiator des Kongresses. Die Experten auf dem internationalen Symposium sind sich aber bewusst, dass nationale Vorschriften und Gesetze angesichts der Dimensionen des Internets ihre Bedeutung verlieren. Längst wird z.B. in den Niederlanden seit zweieinhalb Jahren die Online-Therapie erprobt. Dafür hat der Psychologieprofessor Alfred Lange von der Universität Amsterdam das Programm "Interapy" entwickelt. Mit Hilfe von zehn Schreibübungen diagnostiziert und therapiert er Patienten, die unter posttraumatischen Stresssymptomen oder pathologischer Trauer leiden. Die Sitzungen enden nach etwa fünf Wochen - "mit zwei- bis dreifach höherer Erfolgsquote als bei herkömmlichen Behandlungen", betonte Lange. An der Online-Therapie nahmen bislang 300 Testpatienten teil. Bislang konnten sich die niederländischen Krankenkassen nicht entscheiden, ob sie die Kosten übernehmen. Dennoch, der Psychologieprofessor will "Interapy" bis Ende des Jahres auch auf Burnout-Symptome, Essstörungen und Paarprobleme erweitern. Für September ist die Einführung der deutschen Version geplant.
Ärzte, Kliniken, Apotheken, Selbsthilfegruppen ...
Medizinische Sachverhalte in einer verständlichen Sprache zu vermitteln, das haben sich die Gesundheitsportale auf ihre Fahnen geschrieben. Ratsuchende erwarten außerdem eine moderierte "Info-Gemeinschaft", erklärte Michael Stein, Gesundheitsredakteur von NetDoktor.de. Das 1997 gegründete Gesundheitsportal steht für Service und Fachwissen. Mehr als 50 Ärzte, Fachärzte und Experten aus dem Gesundheitswesen schreiben, redigieren und aktualisieren die Inhalte und beantworten Fragen von Benutzern. Der unabhängige Dienst mit Apotheken-, Arzt- und Kliniksuche, Arzneimittelinfos, vielen Links zu Selbsthilfegruppen, Foren, Chats usw. zählt zu den führenden medizinischen Aufklärungs- und Entscheidungshilfen im Internet (Sieger im TOMORROW-Test, 23/2000).
Weiterführende Internet-Adressen zum Thema
--> Symposium "Internet und Psychiatrie"
http://www.psynet-congress.de
--> Medscape Psychiatry & Mental Health
http://psychiatry.medscape.com/Home/Topics/psychiatry/psychiatry.html
--> Zertifizierung von medizinischen Websites nach MedCERTAIN
http://www.medcertain.org
http://yi.com/ey/ (Dr. Gunther Eysenbach)
--> Großforschungsprojekt Kompetenznetz "Depression"
http://www.kompetenznetz-depression.de
--> Großforschungsprojekt Kompetenznetz "Schizophrenie"
http://www.kompetenznetz-schizophrenie.de
Homepage der Psychiatrischen Klinik und Poliklinik LMU München
http://www.med.uni-muenchen.de/psywifo/
Uni Osnabrück, FB Psychologie & Gesundheitswissenschaften
http://www.psycho.uni-osnabrueck.de/
--> Online-Therapie "Interapy"
http://www.psy.uva.nl/interapy2/UK/public/InfoUK.html
--> Gesundheitsportale
NetDoktor.de - Das unabhängige Gesundheitsweb für Deutschland
http://www.netdoktor.de
Online Service LIFELINE
http://www.lifeline.de
GesundheitScout24 - multimediale Informationsplattform
http://www.gesundheitscout24.de
Online Service almeda.de
http://www.almeda.de
--> Größte Medizin-Suchmaschine der Welt
http://www.medical-tribune.de
--> Forum "Schizophrenie und Stigma - Folgen und Konsequenzen"
http://www.forumromanum.de/member/forum/forum.cgi?USER=user_75575
--> Irrsinnig Menschlich e.V. - Verein für Öffentlichkeitsarbeit in der Psychiatrie
http://www.irrsinnig-menschlich.de
--> Informationen zum Weltgesundheitstag
http://www.who-tag.de/2001/index.php3
--> Selbsthilfeprojekt: Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe
http://www.lichtblick-newsletter.de
--> Infoplattform für Depressive und deren Angehörige
http://www.nein-zur-depression.at
--> Online-Magazin
http://www.tomorrow.de
--> Offizielle Suchmaschine von T-Online
http://www.infoseek.de
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