Rot-roter Berliner Senat verfolgt liberale Drogenpolitik
Von ddp-Korrespondent Holger Lunau
Berlin (ddp-bln). Der rot-rote Berliner Senat verfolgt eine liberale Drogenpolitik. Die Eckpunkte dafür legten SPD und PDS in ihrer Koalitionsvereinbarung fest. Suchtprävention, ausstiegsorientierte Hilfen, Substitution und Gesundheitshilfen sollen eng mit der konsequenten Bekämpfung von Handel und Schmuggel illegaler Drogen verbunden werden.
Jüngstes Beispiel ist die Einrichtung von zwei Fixerstuben und eines Busses als mobiler Druckraum. Abhängige erhalten dort die Möglichkeit, Rauschgift unter kontrollierten und hygienisch einwandfreien Bedingungen zu konsumieren. Damit kann internationalen Studien zufolge die Ausbreitung von Krankheiten wie HIV, Hepatitis C und Herzklappenentzündungen eingeschränkt werden. Zudem lässt sich die Zahl der Todesfälle verringern, da bei Überdosen ein Gegenmittel gespritzt oder Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet werden können. Die CDU befürchtet jedoch eine Störung der öffentlichen Ordnung in der Umgebung von Drogenkonsumräumen und lehnt dieses Projekt ab.
Zudem streitet Rot-Rot für die Entkriminalisierung des Besitzes geringer Mengen von Cannabis-Produkten. Justizsenatorin Karin Schubert (SPD) scheiterte aber mit ihrem Vorstoß, bundesweit den Besitz von bis zu 15 Gramm Haschisch strafrechtlich nicht zu verfolgen. Stattdessen wollen die Länder in einer Studie die jetzige Einstellungspraxis bei Verfahren wegen Cannabis-Besitzes prüfen. Zur Zeit gibt es ein "Nord-Süd-Gefälle". Während in Schleswig-Holstein der Besitz von bis zu 30 Gramm Haschisch oder Marihuana straffrei gestellt ist, gilt dies in Bayern nur für bis zu sechs Gramm.
Die Justizsenatorin befürwortet auch "Spritzenautomaten" in den Haftanstalten. Bei einem Modellprojekt konnten sich Drogenabhängige in den Justizvollzugsanstalten Lichtenberg (Frauen) und Lehrter Straße (Männer) sterile Einwegspritzen an Automaten ziehen, um unter anderem Hepatitis-Erkrankungen zurückzudrängen. Allerdings lehnen inzwischen bis auf Lichtenberg alle anderen Anstalten diese Praxis ab.
© ddp, 18.10.2003
Cannabis und seine Wirkung
Berlin (ddp-bln). Cannabis (Haschisch, Marihuana) ist nach Angaben des Fachverbandes Drogen und Rauschmittel (FDR) in Deutschland die "Droge Nummer eins". Etwa zehn Millionen Deutsche zwischen 12 und 59 Jahren hätten in ihrem Leben Erfahrungen mit diesem Suchtmittel gemacht. 3,5 Millionen davon hätten in den vergangenen zwölf Monaten zu Cannabis gegriffen, eine halbe Million Konsumenten war unter 18 Jahre alt.
Der Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) macht Cannabis zum Rauschmittel. Geraucht setzt die Wirkung sofort ein, gegessen oder getrunken nach etwa einer Stunde. Der Rausch hält einige Stunden an, der körperliche Abbau dauert wesentlich länger. Die Pulsfrequenz steigt, der Blutzuckerspiegel sinkt. Der Appetit steigt bis hin zu Fressanfällen. Es kommt zu Mundtrockenheit, Reizung der Augenbindehaut und geröteten Augen. Bei Überdosierung stellen sich Schwindel, Übelkeit und Kreislaufprobleme ein.
Cannabiskonsum kann sich auf das Befinden negativ oder positiv auswirken. Als positive Aspekte werden neuartige Ideen, witzige Assoziationen und Gedankensprüngen aufgeführt. Sinneswahrnehmungen wie Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Berührung werden intensiver. Das Zeitgefühl verändert sich. Es kommt zur Euphorie, zum "High" sein.
Als negativer Aspekt macht sich Konzentrationsschwäche bemerkbar. Es kann zu Selbstüberschätzung und Gedächtnisstörungen bis hin zum "Filmriss" kommen. Zudem werden Angstzustände, Verwirrung, Verfolgungswahn sowie Halluzinationen (Horrortrip) beobachtet. Bei regelmäßigem Cannabis-Konsum drohen Psychosen sowie der Verlust des Realitätssinns.
Quellen:
www.fdr-online.info
www.therapieladen.de
© ddp, 18.10.2003
Knake-Werner: Drogenbus geht ab Montag auf Info-Tour
Berlin (ddp-bln). Ungeachtet der Irritationen nach Äußerungen von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zur Drogenpolitik hält der Senat an seiner Strategie der Entkriminalisierung fest. Dies bedeute aber nicht den freien Verkauf von Rauschgift, sagte Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (PDS) der Nachrichtenagentur ddp in Berlin. Keine Droge sei harmlos - ob legal oder illegal, ob "hart" oder "weich". "Insofern gibt es mit Wowereit, der eine Freigabe von Drogen ablehnt, kaum Dissens", betonte die Politikerin. Es gehe in Berlin nur darum, den Besitz geringer Mengen Cannabis-Produkte wie Haschisch oder Marihuana bis zu 15 Gramm nicht strafrechtlich zu verfolgen. Bisher liegt die Grenze bei sechs Gramm.
Zugleich warnte die Senatorin davor, mit der Debatte um eine Entkriminalisierung der Drogenpolitik die neuen Hilfsangebote für Rauschgiftabhängige "kippen" zu wollen. Wie geplant werde am Montag der "Drogenbus" von Fixpunkt e.V. zunächst auf Info-Tour gehen, kündigte Knake-Werner an. Abhängige und Anwohner würden über das Anliegen informiert, ab 4. November für Schwerstabhängige Drogenkonsum unter hygienischen Bedingungen zu ermöglichen. Der Bus soll in der Jebensstraße am Bahnhof Zoo und in der Kurfürstenstraße bis zu sechs Mal in der Woche jeweils für drei Stunden halten. Zudem erhofft sich die Senatorin Ausstiegshilfen für jene Abhängigen, die bislang nicht von Hilfsangeboten erreicht wurden.
Weiterhin öffnen im Dezember oder Januar zwei Drogenkonsumräume am Kottbusser Tor in Kreuzberg und am Kleinen Tiergarten, wie die Senatorin sagte. Träger seien die Drogenhilfe-Vereine boa und odak. In den so genannten Fixerstuben dürfen die Abhängigen mitgebrachte Drogen spritzen. Im Notfall steht ihnen medizinische Betreuung zur Verfügung.
In Berlin gibt es nach Expertenschätzung zwischen 7000 und 8000 Heroinabhängige. Im vergangenen Jahr starben 175 von ihnen.
© ddp, 18.10.2003
Cannabiskonsum in der Pubertät schädigt Gesundheit
Bremen (ddp). Haschisch-Rauchen schädigt die Gesundheit von Jugendlichen in der Pubertät. Das haben Untersuchungen von Hirnforschern der Universität Bremen ergeben. Den Wissenschaftlern zufolge setzen sich die Jugendlichen großen Gesundheitsgefahren aus, da ihr Gehirn in der Pubertät für negative Effekte des Cannabis-Konsums besonders empfänglich ist.
Die Dichte der Bindungsstellen im Gehirn, die für die aktiven Inhaltsstoffe der Hanfpflanze (Cannabinoide) offen sind, ist den Forschern zufolge zu Beginn der Pubertät sehr hoch. Erst mit der Zeit nimmt sie ab. Nach Ansicht der Wissenschaftler ist sogar ein Zusammenhang zwischen pubertärem Cannabiskonsum und Schizophrenie möglich.
Bei ihren Untersuchungen verabreichten die Bremer pubertären und erwachsenen Ratten ein synthetisches Cannabinoid. Anschließend prüften sie das Kurzzeitgedächtnis und die Motivation der Tiere. Bei den erwachsenen Tiere waren keine negativen Folgen erkennbar. Anders bei den jungen Tieren: Ihre Aufmerksamkeit blieb noch über 85 Tage nach Beendigung der Cannabinoid-Behandlung gestört. Erst die Gabe eines Antipsychotikums konnte den Defekt wieder aufheben.
© ddp, 18.10.2003
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