Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe

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Übersicht Politik & Gesundheitsreform Redaktion 05.05.2004
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Am Gängelband?


Überall sind die Angebote der Gemeindepsychiatrie ausgelastet. Es gibt sogar Wartezeiten. Aber nicht alle nehmen diese Hilfen an. Sie, aber auch viele, die sie in Anspruch nehmen fragen sich: Wie, wann und wo finde ich draußen meinen Platz? Eine Schrift des Bundesministeriums für Gesundheit aus dem Jahre 1996 stellt fest: "Soziale Verteilungsprozesse um das knappe Gut Arbeit benachteiligen längerfristig chronisch erkrankte Personen." (Die psychiatrische Versorgung chronisch psychisch Kranker - Daten, Fakten, Analysen, Band 77, S. 50, BMG)

Vor diesem Hintergrund wird die Ergotherapie und der Job in der Behindertenwerkstatt geradezu gefeiert. Unbestreitbar, das "wohltuende Gemeinschaftsgefühl" in der Gruppe, wie es E. Bleuler beschreibt, kann Menschen, die seelisch aus dem Gleichgewicht geraten sind, Halt geben. Gerade psychisch erkrankte Menschen, die aus ihrer Lebensbahn geworfen sind, brauchen besondere individuelle, fachliche und therapeutische Unterstützung. Aber bekommen sie diese - weitgehend unter sich - in beschützten Räumen? Die Stimmen werden lauter, die fragen, wer wird hier vor wem geschützt. Der im Artikel 3 des Grundgesetzes aufgenommene Satz: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden", schützt ausdrücklich diese Menschen vor Ausgrenzung und Benachteiligung.

Egal wie nahe an den Bedürfnissen der Betroffenen Ergotherapie, Behindertenwerkstatt u.a. ausgerichtet sind, wenn das Selbstverständnis der Einrichtung als eine "Übergangsstation" aufgeben wird, und die Prognosen in Richtung Frühinvalidität oder Pflegefall tendieren, beginnen auch sie auszugrenzen. Im Endeffekt werden die langjährigen "Nutzer" von ihren eigenständigen Lebensperspektiven weggeführt. Es entstehen fremdbestimmte Biographien. Letztlich rufen diese Sonderschubladen - ähnlich wie früher die Anstalten - bei vielen Betroffenen ein Verhalten hervor, das wir Hospitalismus nennen.

Daß psychisch Kranke in billigen Heimen verkümmern, zu Hause hocken, in ihren Wohnungen verhungern oder unter Brücken schlafen, ist besonders tragisch. Für sie wären geschützte Räume am notwendigsten. Kaum ein "Modellprojekt" setzt sich mit diesem Domino-Effekt auseinander. Offensichtlich versperren einrichtungsbezogene Konzeptionen den Blick über den Tellerrand. Bei näherer Betrachtung orientieren sich die Geldbeschaffungs- und Beschäftigungsprogramme der Leistungsanbieter vornehmlich auf das Erwerbsleben ihrer Mitarbeiter. Wie aber die erwerbsunfähigen "Schwachen" ihre Stärken in der Gemeinde entdecken und entfalten, den Schritt aus dem "Übergangssystem" Gemeindepsychiatrie ins eigenständige Leben packen - und wie sie trotz Rente, ihr Budget durch stundenweise Tätigkeiten um einige hundert Mark aufbessern können - dafür gibt es nur wenige ermutigende Beispiele.

Arnd Schwendy, ehemaliger Geschäftsführer des Dachverbandes Psychosozialer Hilfsvereinigungen e.V., beschreibt in seinem Artikel in "Wenn nichts mehr ist, wie es war..." (1992, Psychiatrie-Verlag): "Es ist besser, ein Dienst wird nicht aufgebaut, als unter falschen Bedingungen, denn dadurch wird Geld verschleudert, es werden Ressourcen vergeudet, es werden Hoffnungen enttäuscht und 'Alibieinrichtungen' geschaffen!"

Eine Kultur muß also her: mit mehr Transparenz, Mitsprache und Zufriedenheit. Projektentwürfe der Gemeindepsychiatrie sollten mutigen Fragestellungen nach Aufwand und Zukunftsfähigkeit unterworfen werden. Diese sollten wie öffentliche Ausschreibungen diskutiert werden.

Roland Hartig (1998)




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