Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe

Startseite RUBRIK E-Mail Aktualisiert
Übersicht Politik & Gesundheitsreform Redaktion 05.05.2004
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 |
eBook & Printausgabe


Wenn die Seele eines Menschen zerbricht

Psychisch Kranke brauchen Verständnis und Hilfe auf ihrem Weg aus der Isolation


Wenn sich jemand ein Bein bricht, bekommt das Bein einen Gipsverband. Die Knochen wachsen wieder zusammen. Der Verband wird entfernt. Sind Gelenke durch die wochenlange Ruhestellung steif geworden, helfen Physiotherapie und gezielte Gymnastik, das Bein wie der beweglich und voll funktionstüchtig zu machen.

Was geschieht aber, wenn die Seele, die Psyche eines Menschen zerbricht, wenn er psychisch krank wird? Mit medizinischen Möglichkeiten, z.B. mit Tabletten und anderen unterstützenden Therapien, können die meisten Symptome von psychischen Erkrankungen gut behandelt werden. Viele Menschen, die an einer Psychose erkranken, werden wieder so gesund, wie sie es vor der Krankheit waren. Bei anderen bleiben jedoch Einschränkungen zurück - mehr oder weniger stark ausgeprägt, über Monate und manchmal auch über Jahre hinweg. Zu solchen Einschränkungen gehören Kontaktstörungen im Umgang mit anderen Menschen, die bis zur völligen Isolierung führen können.

Veränderungen in ihrem Verhalten, im Denken und Reden verunsichern die Angehörigen und können so die sozialen Beziehungen zu den Mitmenschen belasten. Die Fähigkeit, den Lebensalltag aus eigener Kraft und Einsicht zu bewältigen, kann ebenso vermindert sein, wie die Erwerbsfähigkeit. Die Erkrankung kann auch dazu führen, daß sich jemand nicht mehr selbst um die notwendige Hilfe und Unterstützung bemühen kann. Mit solchen Einschränkungen wächst die Gefahr, daß ein psychisch Kranker sozial und gesellschaftlich ausgegliedert wird, daß er nur unzureichende Hilfen bekommt und mangels ausreichender Behandlung und Unterstützung immer wieder Rückfälle in die Krankheit erleidet, durch die die genannten Einschränkungen weiter zunehmen.

Über sehr lange Zeit hinweg wurden Menschen mit solchen psychischen Behinderungen in "Irrenanstalten" untergebracht, die meist weit außerhalb "vor den Toren der Stadt" gelegen waren. Den jeweiligen Möglichkeiten der Zeit entsprechend wurden Krankheitssymptome behandelt. Wenn jemand aber durch die Krankheit bedingt nicht mehr ausreichend selbständig leben konnte, hatte er nur die Möglichkeit, in diesen Anstalten zu bleiben, oft für den Rest des Lebens.

In der Bundesrepublik wurde 1975 in der Psychiatrie-Enquete die z.T. menschenunwürdigen Zustände in solchen Langzeitkliniken angeprangert. Die Forderung wurde laut, Menschen mit psychischen Behinderungen nicht weiter in solche großen Einrichtungen außerhalb abzuschieben. Stattdessen sollten in den Städten und Gemeinden selbst alle Voraussetzungen geschaffen werden, daß auch diese Menschen weiter dort leben können, wo sie zu Hause sind - trotz und mit ihren Einschränkungen.

1988 faßte eine Expertenkommission der Bundesrepublik in ihrem Bericht zusammen, in welchen Bereichen Hilfsangebote für chronisch psychisch Kranke aufgebaut werden müssen, und zwar "vor Ort" und nicht "weit draußen". Es geht um die Bereiche medizinische Behandlung und Pflege, Wohnen, Alltagsgestaltung/Tagesstrukturierung, Teilhaben am Leben in der Gemeinschaft und Arbeit. Es entstanden außerhalb der Kliniken viele Einrichtungen mit den geforderten Angeboten: Wohnheime, Tages- und Begegnungsstätten, Werkstätten...

Nach der Wende ergaben sich die Notwendigkeit und die Möglichkeit, entsprechend diesen Prinzipien auch in den neuen Bundesländern Hilfsangebote für chronisch psychisch Kranke aufzubauen. In den Landesgesetzen über "Hilfen und Schutzmaßnahmen für psychisch Kranke" (Psych-KG) und Landespsychiatrieplänen wurde der gesetzliche Rahmen festgelegt. Finanzielle Förderungen durch Bund, Länder und die Kommunen unterstützten den Aufbau und die Arbeit der neuen Einrichtungen. Tagesstätten für psychisch Kranke gibt es inzwischen schon in mehreren Städten. Ambulantes Betreutes Wohnen hilft beim Leben und Haushalten in der eigenen Wohnung. Beschäftigungsangebote werden in Zuverdienstprojekten u.ä. gemacht.

Nicht nur die Kranken selbst brauchen Hilfen, sondern auch ihre Angehörigen. Sie wollen das erkrankte Familienmitglied unterstützen, sind aber durch die Verhaltensveränderungen oft sehr verunsichert. Sie wollen nichts Falsches tun, wissen aber nicht, was das Richtige ist. In Selbsthilfegruppen für Angehörige psychisch Kranker können sie sich über ihre Erfahrungen austauschen, von Fachleuten wichtige Informationen über die Krankheit, ihre Folgen, Behandlungs- und Hilfsmöglichkeiten bekommen. Für Beratung, Vermittlung und Organisation der genannten Hilfen sind die Sozialpsychiatrischen Dienste an den Gesundheitsämtern zuständig. Dort kann sich jeder Bürger informieren und beraten lassen, welche Angebote es in der Region gibt, welches für seine spezielle Situation das geeignete ist.

Renate Kubbutat, Sozialpsychiatrischer Dienst, Schwerin


Mit freundlicher Genehmigung der Schweriner Volkszeitung (SVZ). Erschienen am 19. Oktober 1996
in der SVZ und in den "Norddeutschen Neuesten Nachrichten" (NNN).





RUBRIK
Politik & Gesundheitsreform

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 |
| 13 | 14 |
nach oben | E-Mail | Startseite  | Newsletter | Impressum |


nach oben Kontakt Startseite