Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe

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Übersicht Politik & Gesundheitsreform Redaktion 05.05.2004
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Blick für Menschen, die am Rand stehen

Krisennotdienst könnte vorbeugend und gezielt helfen


Haben wir Fieber, kommt der Notarzt oder Hausarzt in die Wohnung. Werden wir am Wochenende von Zahnschmerzen gepeinigt, packt der Zahnarzt das Übel an der Wurzel, fallen wir bei Glatteis unglücklich, daß die Beine nicht mehr wollen, kommt der Krankenwagen ...

Anders verhält es sich bei psychosozialen Krisen, akuten psychiatrischen Notfällen, Alkohol- und Drogenproblemen. Es betrifft vor allem Menschen, die zu depressiven Verstimmungen oder Suchtverhalten neigen, sie befinden sich oft auch in einer nicht zu unterschätzenden Suizidgefahr. Für diese "Problemlagen" sind qualifizierte Helfer besonders dann nicht zu bekommen, wenn man sie dringend gebraucht, z.B. abends, nachts, feiertags oder an den Wochenenden. Rat- und Hilfesuchende werden dann häufig auf andere Zeiten und andere Orte verwiesen.

Dörner/Plog geben in "Irren ist menschlich" (1996) eine aufschlußreiche Antwort, was sie unter qualifizierter Hilfe in Krisensituationen verstehen: "Jede Krise, wenn man noch gar nicht weiß, ob sie psychosozial oder psychiatrisch ist, sollte am Ort ihrer Entstehung aufgesucht und genutzt werden." Dennoch, in Sachen qualifizierter Hilfsangebote sind viele Bundesländer immer noch Entwicklungsländer.

Erst wenn der Notfall eine "öffentliche" Dimension erreicht hat, der Druck so groß geworden ist, daß das Umfeld; die Angehörigen, die Augenzeugen, die Polizei und der allgemeine Notdienst reagieren müssen - zum Beispiel ein lebensmüder Mensch springt vom Dach - dann setzt sich automatisch die Maschinerie der Notfallmedizin in Bewegung: Rettungswagen, Polizei, Feuerwehr... Für diese gewaltige Anbahnung der Hilfen steht eine Menge Geld bereit, nicht aber für ein präventives und deeskalierendes Handeln eines vorgeschalteten Krisennotdienstes.

Das Minimalmodell eines komplimentär-vernetzten 24-Stunden-Krisennotdienstes aller beteiligten Träger einer Versorgungsregion kostet jährlich etwa 400.000 Mark, so Dipl.-Psychologe G. Wienberg von Bodelschwinghschen Anstalten Bielefeld. "Das entspricht etwa 1000 Krankenhauspflegetage je 395 Mark oder 33 stationäre Behandlungsfälle mit einer durchschnittlichen Verweildauer von 30 Tagen. Im Grunde müßten die Krankenkassen und Kommunen ein Interesse daran haben, sich an der Finanzierung zu beteiligen."

Tatsache ist, die meisten Betroffenen leben außerhalb von Einrichtungen; viele werden von Angehörigen betreut, die nicht selten überfordert sind. Oft werden sie mit der Last der Verantwortung alleingelassen. Besonders schwer gestörte Menschen sind unter den Wohnungslosen anzutreffen. Für diese Betroffenen ist typisch, daß sie keine psychosoziale Hilfe holen können, also aufgesucht werden müssen. Hinzu kommt, daß nach neuesten Untersuchungen bereits etwa 15 Prozent der Bevölkerung unter Angststörungen leiden. Angst davor, den Arbeitsplatz zu verlieren, daß nach vergeblicher Arbeitssuche Resignation aufkommt, daß das Geld nicht reicht, die Wohnung zwangsgeräumt wird. Das sind nur einige Beispiele, wenn Angst zur Panik wird. Letztendlich schärft der Krisennotdienst nicht nur den Blick für Menschen, die sich in einer psychosozialen Notlage befinden, er kann auch zusätzliches Leid lindern und zudem Krankenhausaufnahmen reduzieren. Gerade in Zeiten knapper finanzieller Mittel würden sich Krisennotdienste als Pflichtaufgabe auszahlen.

Lichtblick, Roland Hartig, 1997





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