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Während am einfachen Muskelhohlorgan Herz ein Leiden diagnostiziert werden kann, wird vom hochkomplizierten Organ Gehirn "robuste Unfehlbarkeit" erwartet - sei es im Denken, Fühlen, Erleben und Handeln. Was passiert aber, wenn wir den alltäglichen "Anforderungen" nicht mehr gewachsen sind? Oder uns die Sinne gar einen Streich spielen? Beispielsweise das harmlose Telefon zu einer «Abhöranlage» wird, die Funkantenne des Nachbarn zum «Empfänger»? - Dann kappt der Betroffene schon mal die Leitung. Auf die Bitte der angereisten Eltern, "doch das Telefon wieder anzuschließen", folgt: "Ihr steckt doch mit den Nachbarn unter einer Decke!" Geht man der Sache nach, liegt nicht selten eine psychische Erkrankung vor, z.B. eine Schizophrenie. Mit dieser schwierigen Problematik beschäftigte sich das LApK MV Seminar "Rückfallrisiko bei schizophrenen Erkrankungen - Was Angehörige Betroffene und Profis zu dessen Verminderung beitragen können", im Mai 1997 in Rostock.
Ziel: Rückfälle vermeiden
Eingeladen zum Seminar "Rückfallrisiko bei schizophrenen Erkrankungen - Was Angehörige Betroffene und Profis zu dessen Verminderung beitragen können" hatte der Landesverband M-V der Angehörigen und Freunde psychisch Kranker e.V. Über 30 Fachkräfte, Patienten und Angehörige setzten sich in Rostock zusammen, um über ihre Psychose-Erfahrungen zu sprechen; der Betroffene, der alles am eigenen Leib erfahren hat, der Angehörige, der es unmittelbar miterlebt hat, der Experte, der die Erkrankung nach heutigem Erkenntnisstand der Psychiatrie behandelt. Hierzu schärfte Oberärztin Dr. Ruth Andes (35) vom Christophorus-Krankenhaus Ueckermünde anschaulich und gut verständlich den Blick auf die Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten. Ermutigend nahmen die Teilnehmer die Nachricht auf, daß ihr Krankenhaus Gesprächskreise für Patienten und Angehörige bereithalte. Nach ihren Erfahrungen gebe es keinen Zweifel daran, daß gut informierte Angehörige und ein günstiges Familienklima Schutz und Hilfe für den Patienten bieten. Von der Theorie, die Familie sei am Ausbruch der Krankheit schuld, halte sie gar nichts. Damit würde man nicht nur Hilfen verbauen, sondern auch den Betroffenen den letzten vertrauten Anlaufpunkt nehmen. Im Verlauf der Veranstaltung stellten die Teilnehmer klar: "Wer die Schizophrenie als Krankheit begreift, noch dazu anerkennt, daß diese hoch sensiblen Menschen neben der Therapie vor allem viel Verständnis und Toleranz benötigen, verbessere die Wahrscheinlichkeit, daß ein akuter Rückfall abgefangen werden kann."
Wichtig: Krisenmanagement
Doch wie sieht die Realität aus: Häufig wird der «Makel», einen "psychisch Kranken" in der Familie zu haben, mit Schweigen zugedeckt. Nöte, Zerwürfnisse und Vereinsamung kennzeichnen dann die Lebenssituation. Für ein Krisenmanagement fehlen nicht nur die Worte, sondern auch das Verständnis - und vor allem das Wissen, wie der "Wettlauf" gegen eine akute Wiedererkrankung gewonnen werden kann. Zusätzlich tragen Schuldzuweisungen und das Märchen von der "unheilbaren" Krankheit zur Verunsicherung und Mutlosigkeit bei. Das alles fördert nicht die Bereitschaft, den Schlüssel zur Krankheitsbewältigung zu finden.
Solange jeder für sich herumdümpelt; der Profi zwischen objekt-orientierter Anamnese und bloßer Symptombekämpfung, der Betroffene zwischen Euphorie und Lethargie, der Angehörige zwischen Ratlosigkeit und Drängen, wird das therapeutische Ergebnis bestenfalls Flickwerk sein. Am Phänomen der "Drehtür-Psychiatrie" wird besonders der vernachlässigte partnerschaftliche Umgang zwischen den Therapeuten, dem Patienten und seinen Angehörigen deutlich. Verständigung und gegenseitiges Lernen sind aber möglich.
René T. vom Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Berlin-Brandenburg e.V. vertrat dagegen die Ansicht, "die Psychiatrie würde lediglich die Patienten mit Psychopharmaka ruhig stellen und abhängig machen, um die Gesellschaft und die Familie vor «aufsässigem Anderssein» zu schützen." - Was nützen aber Vorbehalte gegen Psychiatrie und Familie, wenn z.B. Eltern, Partner und Ärzte ohnmächtig mitanschauen müssen, wie ein Betroffener in die soziale Vernichtung läuft, das Neuroleptikum absetzt, kurz darauf eine Flugreise bucht und wenig später als Obdachloser auf der Straße landet? Bemühungen, diesen "Irrsinn" in normale Kategorien zu fassen oder einer "Roßkur" zu unterziehen, würden fast immer fehlschlagen, wußten Angehörige zu berichten. Dr. Ruth Andes verwies darauf, daß die Behandlung mit Neuroleptika die Prognose und den Verlauf der Erkrankung wesentlich verbessere. Eine anschließende Sozio- und Psychotherapie habe die Wiedererlangung von Selbständigkeit zum Ziel.
Gegenseitiger Lernprozeß
Hierzu wurde hervorgehoben, daß es sich lohnt, zwischen der Familie und ihrem Erkrankten einen gegenseitigen Lernprozeß in Gang zu setzen. Besonders die in dem Buch "Jetzt will ich´s wissen" aufgeführten zehn Leitlinien wurden als wertvolle Anregungen aufgegriffen. Beispielsweise sollten möglichst die "guten Zeiten" für vertrauensbildende Gespräche genutzt werden, auch für Abmachungen bei Notfällen. Auch eindeutige Regeln im Zusammenleben würden die Orientierung erleichtern, und gleichzeitig helfen, Spannungen in der Familie zu verringern. Auch der Aspekt, dem Patienten den Schutz der Distanz zu lassen, wurde für wichtig befunden.
"Schließlich ist es auch eine große Hilfe für das Zusammenleben, wenn es Angehörigen gelingt, die Hilfe der Helfer zu aktivieren. Dazu ist es nötig, gut über das örtliche Angebot an Hilfen orientiert zu sein, und auch darüber, was es nicht gibt. Auch hierzu kann die örtliche Angehörigengruppe nützlich sein. Sie kann auch eine Instanz sein, die wichtigen Kontakte zu den Einrichtungen zu pflegen und Defizite in der Versorgung aufzuzeigen. Rückfälle in die Krankheit sind gar nicht selten, auch eine Folge mangelhafter Versorgung." - Diese von Karlheinz Walter, Vorsitzender des Landesverbandes Baden-Württemberg, herausgegebene 11. Leitlinie beschreibt auch das Fazit des Seminars "Rückfallrisiko bei schizophrenen Erkrankungen" in Rostock. Es ist höchste Zeit anzuerkennen, so der Veranstalter: "Ohne Therapie und Rehabilitation chronisch psychisch kranker Menschen kumulieren nicht nur die familiären und volkswirtschaftlichen Kosten, sondern ebenso subjektives Leid, gesellschaftliche Ausgrenzung und die emotionale Belastung der Familie.
Lichtblick 1997
ANMERKUNG: Das Programm Rückfallrisiko bei schizophrenen Erkrankungen ist für Angehörige konzipiert!
Weiterführende Information
Ein Programm für Angehörige: Rückfallrisiko bei schizophrenen Erkrankungen
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