Gutachter kritisieren Gesundheitswesen
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Gutachter Friedrich Wilhelm Schwartz übergibt Gesundheitsministerin Ulla Schmidt das Gutachten des Rates.
AP Photo/Roberto Pfeil |
Das deutsche Gesundheitswesen hat zu wenig Ziel-, Patienten- und Qualitätsorientierung. Es krankt an seinen Strukturproblemen. Das Wissen der Ärzte gehört auf den Prüfstand. Zu diesem Ergebnis kommt der "Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen", der am 20. März 2001 in Berlin sein 700-seitiges Gutachten an Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) übergab. Im Sommer soll der 11. Bericht der "Gesundheitsweisen" mit einer Stellungnahme zu den Bereichen Unter- und Überversorgung vervollständigt werden.
AFP/dpa/naps: Der Sachverständigenrat stellt dem deutschen Gesundheitssystem kein gutes Zeugnis aus: "Das deutsche Gesundheitswesen leistet nicht, was es leisten könnte", sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Friedrich Wilhelm Schwartz. Qualität, Fortbildung und Vorsorge müssten deutlich verbessert werden. Höhere Beiträge seien dafür nicht notwendig. Vielmehr müssten die vorhandenen Mittel gezielter eingesetzt werden. Die bisherigen Gesundheitsreformen beschränkten sich auf "reine Kostendämpfungs-Maßnahmen". Während Deutschland international bei den Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheit auf Platz drei hinter den USA und der Schweiz liegt, rangiert es bei der Lebenserwartung im unteren Drittel.
Gesundheitsförderung
Notwendig sei eine grundsätzliche Neuorientierung, aber es fehle an gesundheitspolitischen Zielen, heißt es in dem Gutachten. Vor allem die organisatorische Zusammenarbeit im deutschen Gesundheitswesen begünstige «das Status-quo-Denken und damit das Beharrungsvermögen überkommener Strukturen», kritisierten die Experten. Große Bedeutung räumten die Experten der Gesundheitsförderung und der Prävention ein. Sie müsse von der Kindheit bis ins fortgeschrittene Erwachsenenalter "nachhaltig" ausgebaut werden. Dies sei eine lohnende und notwendige Zukunftsinvestition. Durch bessere Vorbeugung könnten ein Viertel der Gesundheitsausgaben eingespart werden, so die Gutachter. Bislang geben die Kassen dafür jährlich nur 500 Millionen Mark aus. In Finnland etwa habe man die Zahl der Herzerkrankungen um 50 Prozent verringern können - allein durch gezielte Prävention. Nachholbedarf gebe es vor allem bei der Versorgung chronisch Kranker. Betroffenengruppen müssten stärker in die Entscheidungen der Selbstverwaltungen von Krankenkassen und Ärzten einbezogen werden. Die Patientenrechte sollen durch ein entsprechendes Gesetz gestärkt werden. Die Nutzer des Gesundheitssystems, ihr Wissen, ihre Einstellung und ihr Verhalten, seien bislang vernachlässigt worden.
Qualitätsorientierung
Im Rahmen der Qualitätsorientierung fordert der Expertenrat obligatorische Qualitätsberichte mit Veröffentlichungspflicht an medizinischen und pflegerischen Einrichtungen. Derzeit verstrichen mehr als zehn Jahre, bevor Fortschritte der Wissenschaft in Medizin und Pflege praktisch umgesetzt würden. Angesichts der Geschwindigkeit der Wissensveränderung in diesem Bereich spricht sich der Rat für eine Rezertifizierung der Facharztberechtigung aus. Schmidt erklärte dazu, die periodische Überprüfung der Weiterqualifizierung von Ärzten müsse im Rahmen der Ausbildungsordnung für Ärzte verhandelt werden. Nach Aussage der Gutachter kommen nicht einmal die Hälfte der Mediziner in Deutschland der Fortbildungspflicht nach. Auch eine grundsätzliche Reform des Medizin-Studiums wird gefordert. Neben "naturwissenschaftlichem Detail-Wissen" seien auch Fächer wie Ethik in der Medizin oder Managementtechniken notwendig.
Reaktionen auf Gutachten
Nach Ansicht von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) bestätigt das Gutachten die Weichenstellung der Koalition in der Gesundheitsreform. Es seien bereits rund 500 Millionen Mark für eine bessere Krankheitsverhütung bereitgestellt worden. Die Gesundheitsexpertin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, sprach sich ebenso wie die Gesundheitsministerin für mehr Qualität, Wirtschaftlichkeit und Transparenz und eine verstärkte Eigenverantwortung aus. Für den stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Horst Seehofer, belegt das Gutachten das Scheitern der Kostendämpfung und die Notwendigkeit einer Strukturreform.
Die Bundesärztekammer wies die Aussagen der Sachverständigen, das Gesundheitswesen sei zu teuer und ineffizient, als populistisch zurück. Präsident Jörg-Dieter Hope erklärte, er habe mehr Differenzierungsvermögen und konstruktive Kritik erwartet. Die Arbeit der deutschen Ärzte würde jedem internationalen Vergleich standhalten. Die Versorgung sei trotz der Budgetzwänge weiterhin auf hohem Niveau. Hoppe schlug ein Fortbildungszertifikat für Ärzte vor, mit dem die Mediziner ihre Teilnahme an Weiterbildungsveranstaltungen dokumentieren könnten. Ein solches Verfahren sei transparenter und motivierender als die Androhung von Strafen wie der Entzug der ärztlichen Approbation.
Beitrag vom 20.3.2001
Hintergrund:
Der "Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen" erstellt die Berichte im Auftrag
des Gesundheitsministeriums. Die Politik kann die Vorschläge aufgreifen, muss es aber nicht.
Der letzte Bericht stammt von 1997.
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