Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe

Startseite RUBRIK E-Mail Aktualisiert
Rezensionsliste Bücher Redaktion 06.03.2008




Thomas R. Müller, Beate Mitzscherlich

Psychiatrie in der DDR. Erzählungen von Zeitzeugen




Rezensiert von Ch. Rose

Ein "Tabuthema" sicherlich nicht nur in der damaligen DDR ist die Geschichte der Psychiatrie. Viele Menschen verschließen auch heute noch Augen und Ohren, wenn sie mit dieser Thematik konfrontiert werden. Umso wichtiger erscheint es gerade auch aus heutiger Sicht kritisch den Stand und die Entwicklung der Psychiatrie in der damaligen DDR zu betrachten.

In dem 244 Seiten umfassenden Buch berichten unterschiedliche Personenkreise verschiedener Generationen über ihren Alltag in psychiatrischen Einrichtungen im heutigen Sachsen. Patienten, Ärzte und Pfleger geben ein beeindruckendes Bild der Entwicklung der Psychiatrie zwischen 1948 - 1990. Dabei sind diese Erzählungen geprägt von subjektiven Erlebnissen, die für den Leser nicht immer nachvollziehbar sind. Dies betrifft insbesondere die Erzählungen von Patienten.

Erschütternd sind die Berichte über stationäre Aufenthalte in den 50iger und 60iger Jahren. Sie geben Einblicke in menschenunwürdige Behandlungsmethoden bis hin zu Gewalttätigkeiten an Patienten in den so genannten "Langzeitbereichen" der damaligen Zeit.

Nachdenklich stimmen auch bereits damalige "Selektionsprozesse" in der Psychiatrie, die auf ökonomische Möglichkeiten des DDR-Sozialismus zurückführbar sind. So gab es schon in dieser Zeit gravierende Unterschiede zwischen Patienten in verschiedenen Einrichtungen der Psychiatrie, wie Universitätskliniken bzw. Psychiatrische Krankenhäuser (siehe Bericht von Klaus Weise, emeritierter Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik Leipzig). Deutlich wird dabei die starke Verschiedenhaftigkeit der Behandlung insbesondere in kritischen Phasen von Patienten über "Freigang" bis hin zum "Angebundensein". Dennoch werden von vielen ehemaligen Langzeitpatienten die psychiatrische Einrichtung als "Schutz- und Rückzugsraum" bezeichnet.

Bereits Ende der 60iger Jahre begann nicht immer widerstandslos eine Trendwende in der Psychiatrie. Psychologische und sozial orientierte Betrachtungsweisen gewannen mehr und mehr an Bedeutung. Ebenso wurden Erkenntnisse über psychosoziale Zusammenhänge psychischer Erkrankungen verstärkt berücksichtigt. Psychotherapeutische Behandlungsformen wurden schrittweise eingeführt, umso die Würde und Rechte des Patienten zu bewahren. Bemerkenswert sind hierzu Erzählungen über internationale Kontakte von Ärzten und wissenschaftlichen Mitarbeitern der Unikliniken.

Einen regen Erfahrungsaustausch zu Psychiatrieformen gab es mit der damaligen Sowjetunion, aber auch mit der BRD, den USA und Großbritannien. So werden ähnliche Verhältnisse in den Kliniken und Entwicklungen in den psychiatrischen Behandlungen aufgezeigt, denen in der damaligen DDR oftmals ökonomische Grenzen gesetzt waren.

Treffend für die Entwicklung der Psychiatrie nach dem "Mauerfall" ist die Einschätzung des ehemaligen Direktors des Psychiatrischen Krankenhauses Rodewisch, T. Degenhardt, dass bei vielen Entscheidungen nicht mehr medizinische Interessen im Vordergrund stehen, "sondern das, was ökonomisch bewilligt wird…".

Ein dunkles Kapitel der DDR-Psychiatrie ist, die "Verfahrpsychiatrie" für politisch anders denkende Bürger bzw. die Zwangsunterbringung "Republikflüchtiger", für die die "Wende" als Befreiung angesehen wurde. Dies betraf aber auch medizinisches Personal, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten und darauf hin in psychiatrische Einrichtungen zwangsversetzt wurden.

"Psychiatrie in der DDR" - ein Buch das nachdenklich stimmt, das aber auch wichtige Entwicklungsetappen in der DDR-Psychiatrie aufzeigt.


Thomas R. Müller, Beate Mitzscherlich (Hrsg.)
Psychiatrie in der DDR
Erzählungen von Zeitzeugen

Mabuse-Verlag, 2006, 244 Seiten






RUBRIK

Bücher
In Partnerschaft mit Amazon.de


nach oben | E-Mail | Startseite  | Newsletter | Impressum |


nach oben Kontakt Startseite