Sonnensprung, Geschichten von Krisen und Chancen
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Eine Anthologie ist eine Sammlung. Sammeln kann man viel, wenn man genügend Fleiß mitbringt. Eine Anthologie ist aber auch eine Auswahl. Um auszuwählen, muss man eine Idee haben und Fingerspitzengefühl. Birgit Oldenburg beweist beides und macht damit den einfachen Sammelband zu einer ausgewählten Lektüre, die sich lohnt. Ihre Idee umreißt sie schon in den ersten zwei Zeilen durch ein Zitat: Von den Chinesen könnten wir derzeit viel lernen. Sie haben für Krise und Chance dasselbe Schriftzeichen (Weizsäcker). Krisen und Schicksalsschläge als Chancen zu begreifen, auf den Sonnenaufgang nach jeder noch so dunklen Nacht zu hoffen, ist ein Motto dieses Buches. Dabei taucht das Licht der Hoffnung nirgends lärmend oder schlagartig auf. Vielmehr ist es ein leises Beginnen, wenn etwa Elsbeth Jahns vom Hunger, den strafenden Eltern, dem Bombenkeller erzählt und dabei in ihrer schnörkellosen Sprache kein überflüssiges Wort hin zu fügt. Da hat der Leser die Chance, Zeiten des Grauens mitzuerleben und befindet sich schließlich doch vergnügt mit Else beim Kochunterricht. Plötzlich sitzt man da und lächelt, obwohl man gerade erst von so viel Not gelesen hat. Hier teilt sich unmittelbar mit, dass es vor allem die kleinen Augenblicke sind, die ein Schicksal in eine Chance verwandeln.
Symbolisch für das ganze Buch ist auch die Geschichte von Herrn Wunderlich. "Erzählen kann man viel, doch rühren nur durch die Wahrheit" wird da gesagt. Tatsächlich haben die Autoren alle nicht nur irgend etwas erzählt, sondern sie haben wirklich etwas zu sagen gehabt. |
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Rezensentin:
Verena Liebers
www.vigli.de
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Und wie überall wo gute Literatur entsteht, ist es dabei nicht wichtig, ob die Ereignisse sich wirklich so zugetragen haben, wie sie berichtet werden. Wichtig ist, dass auf einer tieferen Ebene eine Wahrheit in den Sätzen steckt, die dann den Leser anrührt.
Oldenburg bleibt aber nicht bei den Geschichten stehen, die einen gelungenen Weg aus der Dunkelheit beschreiben. Sie hat auch solche Texte aufgenommen, die schildern wie Hilflosigkeit und Schmerz empfunden werden, ohne dass eine wirkliche Besserung eintritt. Zeuge einer Vergewaltigung sein, nicht geholfen haben. Miterleben wie das Opfer seelisch stirbt und dabei selber sterben. Dalbergs "Bocksgesang" liegt schwer im Magen und ein wirkliches Happy end bleibt aus. Aber gerade durch die Auswahl solcher Erzählungen bleibt Oldenburg ihrem Motto auf sehr ehrliche Weise treu: Chancen bestehen selten aus Glücksfällen, häufig aus der Erkenntnis, dass der Mensch das Leben eben erträgt und wagt, obwohl es so schwer ist.
Ein Problem teilt die Anthologie allerdings mit ihresgleichen: Die Vielzahl der Geschichten und Stilrichtungen stoppt den Lesefluss. Man braucht Lesepausen, um sich neu zu orientieren und auf den nächsten Beitrag einzulassen. Aber genau darin liegt natürlich auch eine Chance: Keine Konsumware, sondern etwas zum pausieren und nachdenken. Etwas, das weit über die reine Lesezeit hinaus begleitet.
Anmerkungen der Herausgeberin Birgit Oldenburg
www.birgit-oldenburg.de/Mehr-zu-Sonne.htm |
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