Der Mann mit der Kartoffel
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Vor fünf Jahren erhängte sich "Seewolf" Raimund Harmstorf auf einem Bauernhof im Allgäu
Von ddp-Korrespondent Harry Luck
München (ddp-bay). Die Szene mit der zerdrückten Kartoffel machte ihn berühmt. Als "Der Seewolf" galt Raimund Harmstorf seit 1971 als furchteinflößender Kraftprotz. Doch nach der Filmkarriere folgte der tiefe Fall. Vor fünf Jahren, am 3. Mai 1998, erhängte sich Harmstorf im Alter von 57 Jahren bei Marktoberdorf im Allgäu auf dem Dachboden eines Bauernhofes. Es war nicht nur der tragische Tod eines beliebten Schauspielers, sondern auch ein Medienskandal.
Die Polizei machte die Boulevardpresse mit verantwortlich für den Suizid: "Es liegen Erkenntnisse dahingehend vor, dass ein Mitauslöser für den Selbstmord in der Medienberichterstattung des vergangenen Samstags zu sehen ist", teilte die Polizei damals mit. An jenem Samstag hatte die "Bild"-Zeitung getitelt: "Seewolf Raimund Harmstorf in der Psychiatrie". Er sei mit aufgeschnittenen Pulsadern auf der Straße aufgegriffen und in eine geschlossene Anstalt eingeliefert worden. Harmstorfs Nachbarn bezeichneten den Artikel später als "zu 90 Prozent falsch".
Auf einer Pressekonferenz nach dem Suizid bestätigte ein Kripo-Mann, Harmstorf habe diesen Artikel gelesen, danach sei er sehr schockiert gewesen. Bald seien weitere Reporter in das Dorf gekommen, mit denen der Schauspieler einen Interviewtermin vereinbart hatte, um den Bericht richtigzustellen. Doch als die Reporter eines Privatsenders auftauchten, habe Harmstorf "keine Chance mehr gesehen", sagte der Polizeisprecher.
Oberstaatsanwalt Willi Nagel bemühte sich um Aufklärung: Ja, Harmstorf habe tatsächlich vier Wochen zuvor einen Selbstmordversuch unternommen. Jedoch habe er sich nicht die Pulsadern aufgeschnitten, sondern eine Überdosis Tabletten geschluckt. Dann habe er sich auf eigenen Wunsch in psychiatrische Behandlung begeben. Die "Bild"-Zeitung äußerte sich "sehr betroffen", verteidigte jedoch ihre Berichterstattung als "zutreffend und presserechtlich zulässig". Sie habe auf Angaben der Polizei und der Klinik basiert.
Die Rolle des "Seewolf" machte Harmstorf zum Sinnbild des starken Mannes. Doch in seinen letzten Lebensjahren stand es mit seiner Gesundheit nicht mehr zum Besten. Er habe nicht mehr schnell gehen können, erzählten Nachbarn in dem Dorf Selbensberg. Sogar von Parkinson war die Rede. Er sei ein häuslicher Typ gewesen, der gerne strickte.
Nach dem "Seewolf" feierte der 1,89 Meter große, frühere Zehnkampfmeister von Schleswig-Holstein 1976 einen weiteren großen Erfolg als Hauptfigur Michael Strogoff in dem Vierteiler "Der Kurier des Zaren". Es folgten mehr als 70 Rollen in Film, Fernsehen und Theater, unter anderem auch an der Seite von Bud Spencer ("Sie nannten ihn Mücke") und Terrence Hill ("Nobody ist der Größte"). In den 80er Jahren spielte er mehrere Krimirollen in "Derrick", "Tatort", "Der Alte" oder in der "Schwarzwaldklinik".
Doch die Rollen wurden immer kleiner. Das Pech verfolgte ihn. Bei mehreren Auto- und Motorradunfällen wurde er schwer verletzt. In einer Prügelszene schlug ihm Bud Spencer zwei Zähne aus, bei den Dreharbeiten zu einem Western wurde er versehentlich in den Fuß geschossen. Sein Fischrestaurant "Zum Seewolf" in Deidesheim ging Pleite.
Die Szene, in der er mit bloßer Hand eine Kartoffel zerdrückte, machte ihn unsterblich. Dabei war es ein einfacher Trick: die Kartoffel war gekocht.
© ddp, Mai 2003
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