Anonyme Alkoholiker gehen an die Öffentlichkeit
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Lebensgeschichten als Therapie
Von ddp-Korrespondentin Barbara Scheiter
Erfurt (ddp-lth). "Wir müssen aus unserer Anonymität heraustreten und mehr an die Öffentlichkeit gehen." Eine solche Aussage verwundert, wenn sie von einem Mitglied der Gruppe der Anonymen Alkoholiker stammt. Aber der Sprecher der Selbsthilfegruppe für Thüringen, Ludwig Taschnik (Name geändert), will damit erreichen, dass die Öffentlichkeit von Betroffenen erfährt, wie Alkohol ein Leben zugrunde richten kann.
Eine Möglichkeit, die Gesellschaft auf das Alkoholismus-Problem aufmerksam zu machen, sind für Taschnik überregionale Konferenzen, wie etwa das Treffen der Anonymen Alkoholiker Deutschlands, Österreichs und der Schweiz von Freitag bis Sonntag in Erfurt. Geplant seien offene Gesprächsrunden, in denen Betroffene mit Nicht-Alkoholikern über die Sucht sprechen, sagt Taschnik. Er habe am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie Korn und Bier einen Menschen zugrunde richten können : "Ich hatte gemerkt, dass ich ganz unten angekommen bin und dass es mich komplett fertig macht, wenn ich weiter zur Flasche greife."
Mit Erfahrungsberichten wollen die Anonymen Alkoholiker über das Suchtproblem aufklären. Seit Neuestem auch Jugendliche in Schulen. Dabei geht es aber nicht darum, Bier oder Wein zu verteufeln: "Wir wollen ja nicht die ganze Welt trocken legen, nur die Menschen, die ein Problem mit Alkohol haben." Den Jugendlichen soll aber klar gemacht werden, dass der Griff zur Flasche nicht bedeutet, erwachsen und ein wertvoller Mensch zu sein.
Lebensgeschichten erzählen ist für die Anonymen Alkoholiker aber auch Hilfe zur Selbsthilfe: "Einer sagt dem anderen, wie er trocken geworden ist. Und dann kann der andere es genauso probieren oder er kann's lassen." Mittlerweile tragen sie diese Erfahrungen auch aus ihren Gesprächskreisen hinaus und versuchen, außenstehende Alkoholiker dort abzuholen, wo sie sich gerade befinden: In Suchtkliniken und Suchtberatungszentren präsentieren die Anonymen Alkoholiker ihr Konzept und werben dafür, nach Abschluss der Therapie bei der Selbsthilfegruppe mitzumachen. "Jeder, der ein Problem mit Alkohol hat, ist uns willkommen. Auch wenn er mit einer Fahne zur Tür rein kommt", sagt Taschnik.
Mittlerweile gibt es in Deutschland etwa 45 000 Anonyme Alkoholiker. Genaue Zahlen habe er aber nicht, sagt Taschnik, denn schließlich sei Anonymität oberstes Gebot. Keiner wisse den Nachnamen des anderen, noch sei irgendetwas über den Beruf oder die soziale Stellung bekannt. Die Teilnehmerzahlen bei den Treffen schwanken. Es gehe einfach nur darum, vom Erfahrungsschatz anderer Betroffener zu profitieren und eigene Erkenntnisse weiterzugeben: "Aber am Anfang muss immer die Entscheidung des Alkoholikers selbst stehen, dass sich etwas ändern muss. Ein gesunder Egoismus gehört unbedingt dazu. Wer vom Alkohol loskommen will, muss seine Lebenseinstellung grundlegend ändern."
http://www.anonyme-alkoholiker.de
© ddp, Mai 2003
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