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Beiträge - Übersicht Aufsätze & Berichte Redaktion 09.11.2003
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Lektüre "zum Erbrechen"

Über die Wirkung der "Harry Potter"-Romane
gibt es eine lange Reihe von Vermutungen und Vorwürfen


Im Spiegel der Medien


Von ddp-Korrespondent Steffen Becker

Berlin (ddp). Die Liste der Vorwürfe gegen die britische Autorin Joanne K. Rowling und ihre "Harry Potter"-Bestseller ist so lang wie fantasievoll. Nimmt man alle Interpretationen für bare Münze, dann verwandeln die Bücher Kinder in schwule Wahnsinnige, die zu rituellen Morden fähig sind und Eulen quälen. Rechtzeitig zum Verkaufsstart der deutschen Ausgabe von "Harry Potter und der Orden des Phoenix" am Samstag versuchen sich die Gegner des populären Zauberlehrlings wieder verstärkt an moderner Teufelsaustreibung.

Die Schriftstellerin und Soziologin Gabriele Kuby bezeichnet die fünf Bände in ihrem neuen Buch "Harry Potter - Gut oder Böse" als globales Langzeitprojekt zur Veränderung der Kultur. Rowling zerstöre den christlichen Glauben und die Hemmschwelle gegenüber Magie. Göttliche Symbole würden pervertiert, etwa wenn ein Poltergeist zu Weihnachten obszöne Lieder singt und Harry sich über einen "Züchte deine eigenen Warzen"-Biokasten freut.

"Durch emotionale Manipulation zerstört 'Harry Potter' die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Gut und Böse", sagt Kuby. Harry bekämpfe seinen Gegner Lord Voldemort nicht, weil er das Gute wolle, sondern aus der egoistischen Angst heraus, die Zauberschule Hogwarts nach dessen Sieg nicht mehr besuchen zu können. Von Band zu Band werde Harrys Verwandtschaft mit Voldemort deutlicher. Im fünften Band sei er gar von ihm besessen - nachdem Voldemort zuvor ein Gemisch aus Harrys Blut, dem abgehackten Arm eines Dieners und einem gekochten Baby trinken konnte.

Szenen wie diese haben Reinhard Franzke nachhaltig erschüttert. "Ich musste mich bei der Lektüre mehrmals heftig erbrechen", sagt der Pädagogik-Professor an der Universität Hannover. Die Auswirkungen auf Kinder schätzt er dementsprechend drastisch ein: "Die Horrorszenen vergewaltigen die jungen Seelen. Sie werden sensible Kinder seelisch krank machen, Depressionen und Albträume verursachen und die Lern- und Leistungsfähigkeit unserer Schüler beeinträchtigen."

Werde die "Harry Potter"-Manie nicht gestoppt, fürchtet Franzke gar die Apokalypse. "Christen, die Magie ablehnen, werden verfolgt, die Zahl der Einweisungen in die Psychiatrie explodiert, die Krankenkassenbeiträge müssen drastisch steigen, die Zahl der 'unerklärlichen' Morde, Suizide und Amokläufe wird zunehmen", sagt er.

Sollen sich die Menschen nach der Lektüre doch an die Gurgel gehen, solange sie die Eulen in Ruhe lassen, sagen - überspitzt formuliert - dagegen Tierschützer. Die Vögel fungieren in den Büchern als putzige Briefboten. In Großbritannien wünschten sich nach dem Start des letzten "Potter"-Kinofilmes viele Kinder eine Eule als Haustier. Carola Ruff vom Berliner Tierheim warnt Eltern eindringlich davor, den Wunsch ihres Nachwuchses zu erhören. Eulen bräuchten viel Platz, schliefen tagsüber und ihr Kot stinke. Außerdem seien sie sehr wehrhaft. "Einen Kinderfinger können Eulen ratzfatz in Einzelteile zerlegen."

Und wofür die ganze Aufregung? Der amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Bronski hat seine ganz eigene Erklärung für die Ablehnung von "Harry Potter". Die Geschichte des jungen Zauberers sei eine schwule Allegorie. Er lebe in einer versteckten Parallelwelt und müsse dafür Anfeindungen in seiner Familie ertragen. Als Harry im Schlaf den Namen seines getöteten Freundes Cedric ausspreche, unterstelle ihm sein fieser Cousin Dudley ein Verhältnis. Im darauffolgenden Streit bekommt Dudley laut Bronski eine homosexuelle Panikattacke, als Harry seinen Stab herausholt - ein Phallussymbol. "Die 'Potter'-Bücher erzählen Kindern, dass Normal-Sein uninteressant, fantasielos und dumm ist", schreibt der Literaturwissenschaftler.



"Harry Potter" als Sozialarbeiter?

Nach einer AFP-Meldung durften etwa 20 Straßenzeitungen das erste Kapitel der deutschen Übersetzung von "Harry Potter und der Orden des Phönix" vorab veröffentlichen. Doch nicht alle Straßenzeitungen ließen sich vom Harry-Hype anstecken. So fand das Münchner Blatt "BISS" (Bürger in sozialen Schwierigkeiten) die kostenlose PR für schlicht unrentabel. Der Erscheinungstermin hätte vorgezogen werden müssen und damit zu Mehrausgaben in der Druckerei geführt.

Reinhard Kellner, Vorsitzender des Bundesverbandes sozialer Straßenzeitungen, störe sich daran, dass Harry Potter letztlich nichts mit Straßenzeitungen und ihren vor allem sozialen Themen zu tun habe. "Das ist wie Wurst im vegetarischen Restaurant verkaufen." Eine Spende von einem Cent von jedem verkauften Harry Potter-Buch wäre ihm lieber gewesen.



Im Spiegel der Medien

- "Harry Potter: Wissenswertes von A bis Z": Berliner Morgenpost Online

- "Harry Potter und der Orden des Phönix" ist der meist vorbestellte Einzeltitel in der Geschichte
von Amazon.de und schlug mit über 150.000 vorbestellten Exemplaren alle Rekorde. (ots, 8.11.03)

- Obwohl "Harry Potter und der Orden des Phönix" mit gut 1000 Seiten noch um ein Drittel dicker ist
als der letzte Band, kommt die Handlung schnell in Gang. Die größte Überraschung des Buches
ist Harry selbst. Er befindet sich, wie von Rowling angekündigt, "voll in der Pubertät" und verliebt
sich zum ersten Mal. (ZDF, 8.11.2003)

- Als Einstieg in die Potter-Welt ist das Buch gleichwohl nicht geeignet - als Muggel (Nicht-Zauberkundiger)
sollte man lieber mit Band 1 beginnen. Denn Fachtermini wie Postschlüssel, Schnatz, Denkarium, Parsel
und Quaffel werden inzwischen als bekannt vorausgesetzt. (ZDF, 8.11.2003)

- Zauberlehrling Harry Potter verkörpert nach Ansicht der Rostocker Theologin Katrin Schröder christliche Werte.
"Harry Potter stellt keine Konkurrenz zum Evangelium dar, vielmehr steht er in der Tradition christlicher
Erzählungen", sagte die 31- Jährige, die ihre Diplomarbeit über den erfolgreichen Zauberlehrling schrieb.
Sie wies Kritik aus Kirchenkreisen zurück, Autorin Joanne K. Rowling verkläre mit ihrer Figur die Gefahren
schwarzer Magie. "Am Ende jedes Bandes werden die Probleme nicht durch Magie, sondern durch Harrys
Mut und die Hilfe anderer gelöst." (Rostock, APA, 6.11.03)

- Zwei Tage vor Ausgabe des von Millionen Harry-Potter-Fans ersehnten fünften Bandes über den jungen
Zauberer hat die Stiftung Lesen die Reihe als Glücksfall für die Leseförderung gelobt. Dennoch sollten
die Potter-Bücher nicht als Schullektüre Aufnahme in den Unterricht finden, sagte der Vorstands-
vorsitzende der Stiftung mit Sitz in Mainz, Georg Ruppelt. «Wichtig ist gerade, dass der Stoff freiwillig
gelesen wird.» Leselust entstehe nicht durch Zwang. Als Schullektüre müsste die fantastische Geschichte
des Jungen besprochen und interpretiert sowie einheitliche Lesegeschwindigkeit eingehalten werden,
erläuterte der Direktor der Niedersächsischen Landesbibliothek. «Kinder wollen aber gerade auch,
dass ihnen keiner dazwischen quatscht und die Lektüre als ihr ganz eigener Stoff empfunden werden
kann», sagte Ruppelt. «Und man muss Romane auch auffressen dürfen.» Obwohl nicht auf dem Lehrplan,
sei Harry Potter auf den Pausenhöfen Top-Thema, «und eben nicht, wie teuer der neueste Supersportschuh
ist», sagte der Vorsitzende der Leseförderer. (dpa, 6.11.03)








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