Telefonseelsorge
Anonym, vertraulich, kostenlos
Halle (ddp-lsa). Mehr als 100 Menschen am Tag suchen die Hilfe der Telefonseelsorge in Sachsen-Anhalt. Nach Angaben der drei Geschäftsstellen werden in Halle durchschnittlich 56, in Dessau 43 und in der Landeshauptstadt bis zu 22 Beratungsgespräche täglich geführt. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt mehr als 39 000 Anrufe gezählt. Dabei haben die Anrufer meistens Probleme in Partnerschaft und Familie. Während in Halle und Dessau derartige Angelegenheiten an erster Stelle rangieren, hatten in Magdeburg die meisten Anrufer Fragen zu psychischen Krankheiten. Beziehungsprobleme kamen in der Landeshauptstadt erst an zweiter Stelle.
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Telefonseelsorge: Anonym, vertraulich, kostenlos
Mitarbeiter der Telefonseelsorge in Halle haben rund um die Uhr offenes Ohr für jedes Problem
Von ddp-Korrespondentin Sandra Hänel
"Lassen sie sich Zeit", sagt der Mann am Telefon. Langsam beginnt am anderen Ende der Leitung eine Stimme von Schwierigkeiten zu erzählen, die so groß geworden sind, dass der Anrufer damit allein nicht mehr fertig wird. In der Telefonseelsorge in Halle werden pro Tag durchschnittlich 56 Anrufe entgegen genommen. Anonym, vertraulich und kostenlos für den Anrufer. Die Themenpalette reiche dabei vom Mann, der gerne Damenstrumpfhosen trägt und deswegen Probleme mit seiner Umwelt bekommt, bis zum jugendlichen Neonazi, der aus der rechten Szene aussteigen will, aber Angst vor Vergeltung hat, erzählt die Leiterin Sabine Beck.
Darüber hinaus komme es vor, dass ein Anrufer eine Selbsttötung mit Tabletten eingeleitet hat und dabei begleitet werden möchte. "Der Betroffene will nicht gerettet werden, sondern nur, dass jemand bis zum Schluss dabei bleibt", beschreibt Beck, die auch Pfarrerin ist, den Extremfall. Die meisten Probleme drehten sich um Partnerschafts- und Beziehungsprobleme. "Viele verstehen nicht, warum sie verlassen wurden und kommen damit nicht klar", sagt sie. Ursache für den ebenfalls sehr hohen Anteil des Themas Sexualität ergebe sich aus den Anrufen der Jugendlichen, die sich vorrangig damit beschäftigen.
Die Gruppe der psychisch Kranken stelle einen guten Teil der Daueranrufer, erzählt Beck. Die thematische Auswertung habe für Halle einen anderen Schwerpunkt als für die Bundesrepublik insgesamt ergeben. Im deutschlandweiten Vergleich seien zwischenmenschliche Probleme und Sexualität eher zweitrangig.
Rund um die Uhr kümmern sich die insgesamt 78 Mitarbeiter der Telefonseelsorgestelle in Halle um verzweifelte Menschen. Im Schichtdienst wechseln sich die Kollegen am Tage alle 3 Stunden und nachts nach 9 Stunden ab. Dabei gibt es nur einen Apparat. Deshalb kämen auf jeden angenommenen Anruf sieben Anrufversuche, schätzt Beck. Die Anrufer seien mehrheitlich Frauen und im Alter zwischen 30 und 49 Jahren. Halle bietet seit vergangenem Jahr den Seelsorge-Service auch via Internet an - im Gegensatz zu Magdeburg und Dessau, den anderen beiden Telefonseelsorgestellen in Sachsen-Anhalt.
Für die Beratung und Krisenbegleitung am Telefon durchlaufen die Mitarbeiter eine einjährige Ausbildung. Danach hospitieren sie den erfahrenen Kollegen bei der Gesprächsführung, bevor sie selbst den ersten Anruf entgegen nehmen dürfen. So lernen sie die Aufgaben einer Telefonseelsorge kennen, also das Zuhören und Trösten. "Aber auch das Ermutigen, einen anderen Lebensweg einzuschlagen, gehört zum Angebot", sagt Beck.
Die Mitarbeiter sind auch im Erkennen von Krankheitsbildern geschult. Sollte es sich um den Beginn einer psychischen Krankheit handeln, muss der Betroffene sofort an kompetente Fachstellen verwiesen werden. Nach Meinung von Experten liegt in dem so genannten Störungswissen der Mitarbeiter die große Stärke der Telefonseelsorge. "Es ist wichtig, innerhalb von wenigen Minuten zu unterscheiden, ob es sich um eine psychische Störung oder um einen Durchhänger handelt", betont Bernd Leplow, Professor am Institut für Psychologie an der Martin-Luther-Universität in Halle. Dies könnten Freunde, Bekannte und Verwandte, die dem Betroffenen aus einer Problemlage heraus helfen möchten, nicht unterscheiden.
Die Telefonseelsorgestellen in Sachsen-Anhalt, die von den beiden großen Kirchen in Deutschland unterstützt werden, wurden im vergangenen Jahr von 39 000 Frauen, Männern sowie Kindern und Jugendlichen angewählt. Davon liefen allein 19 000 Anrufe in Halle auf. Als die Stelle in der Saalestadt 1992 eröffnet wurde, waren es jährlich knapp 3000. Die Tendenz steige weiter kontinuierlich an, sagt Beck. Nach Polizei, Rettungsleitstelle und Feuerwehr sei die Telefonseelsorge vielleicht die wichtigste Notrufeinrichtung der Region Halle und des südlichen Sachsen-Anhalt.
Telefon: 0800 - 111 0 111 und 0800 - 111 0 222
http://www.telefonseelsorge.de
Geschichte der Telefonseelsorge
Halle (ddp-lsa). Zwei Jahrzehnte nach der Patentierung des Fernsprechers hatte 1896 als erster ein Baptistenpfarrer aus New York die Idee einer Telefonseelsorge. Grund war die hohe Zahl der Selbsttötungen. Allerdings scheiterte das Vorhaben, weil es in jenen Jahren in Amerika noch zu wenig Telefone gab. 1953 rief schließlich der englische Pfarrer Chad Varah mit der Zeitungsanzeige "Bevor Sie sich umbringen, rufen Sie mich an!" die weltweit erste Telefonseelsorge unter seiner Privatnummer ins Leben.
Schon bald konnte er die große Anzahl der Anrufe nicht mehr allein bewältigen. Er wählte zu seiner Unterstützung Frauen und Männer aus und gründete eine Organisation mit dem Namen "The Samaritans". Drei Jahre nach dem Start in England entstand im Oktober 1956 in Deutschland die erste Telefonseelsorgestelle. Der Berliner Arzt, Pfarrer und Psychotherapeut Klaus Thomas veröffentlichte eine private Telefonnummer für die "Ärztliche Lebensmüdenbetreuung".
Ein Jahr später entstanden zwei weitere Stellen in Kassel und Frankfurt/ Main. Auf die Bezeichnung "Telefonseelsorge" wurde sich ebenfalls 1957 geeinigt. In den folgenden Jahren zog sich ein Netz von Neugründungen über die ganze Bundesrepublik. In der ehemaligen DDR wurde anläßlich des Kirchentages 1986 die erste Telefonseelsorge in Dresden gegründet. Zwei Jahre danach folgte eine weitere kirchliche Telefonseelsorge in Berlin-Mitte. Nach der Wende 1989 entstanden weitere Stellen in allen neuen Bundesländern. Inzwischen arbeiten in Deutschland mehr als hundert Telefonseelsorge-Stellen rund um die Uhr.
© ddp, Oktober 2003
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