Arzneiverordnungsreport: Mehr billige Pillen
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Von Thorsten Severin
Berlin (ddp). Bei der Verordnung von Medikamenten könnten nach Expertenansicht mehr als vier Milliarden Euro zusätzlich eingespart werden. Zu diesem Ergebnis kommt der Arzneiverordnungsreport 2003, den der Heidelberger Pharmaexperte Ulrich Schwabe kürzlich in Berlin vorstellte.
Allein bei Analogpräparaten ohne therapeutischen Zusatznutzen sieht Schwabe Einsparmöglichkeiten von 1,5 Milliarden Euro. Bei den Generika gibt es darüber hinaus eine Kostenreserve von 1,43 Milliarden Euro. Bei umstrittenen Arzneien ohne Beleg für eine Langzeitwirkung könnten 1,14 Milliarden Euro gespart werden. Die so einzusparenden 4,1 Milliarden Euro machen laut Schwabe 18 Prozent der Arzneimittelkosten der gesetzlichen Krankenversicherung aus.
Schwabe würdigte, dass die Ärzte in den vergangenen zehn Jahren bereits "bemerkenswerte Sparerfolge" in Höhe von 5,8 Milliarden Euro mobilisiert hätten. Dennoch gebe es weitere Wirtschaftlichkeitsreserven.
Der Pharmaexperte kritisierte, dass viele teure Analogpräparate von den Pharmafirmen mit hohen Rabatten an die Krankenhausapotheken geliefert und bei der Entlassung im Arztbrief für die ambulante Weiterbehandlung empfohlen würden. Notwendig seien daher einheitliche Rabattregeln oder identische Arzneimittelpreise für Krankenhaus- und öffentliche Apotheken. Außerdem stammen die Informationen über Arzneimittel laut Schwabe überwiegend von der Pharmaindustrie.
Schwabe gab darüber hinaus zu bedenken, dass nach der geltenden Arzneimittelpreisverordnung Großhandel und Apotheken an teuren Präparaten wesentlich mehr verdienen als an preiswerten. Apotheker erhielten zudem teilweise mehr als 50 Prozent Naturalrabatte, wobei diese jedoch eigentlich den Patienten zugute kommen müssten.
Nach Ansicht von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) zeigt der Bericht, dass nicht jede Pille, die in Deutschland verordnet wird, wirklich notwendig ist. Offenkundig bestehe nach wie vor ein starker Trend, teure Arzneien zu verordnen, obwohl diese durch billigere ersetzt werden könnten. Vor diesem Hintergrund sieht Schmidt die Gesundheitsreform auf dem richtigen Weg, um Ineffizienz und Verschwendung zu bekämpfen. In diesem Zusammenhang verwies sie auf die künftige Nutzenbewertung durch das geplante Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen und die Pflicht zur "industrie-unabhängigen Fortbildung" für Ärzte. Außerdem sollen patentgeschützte Arzneien ohne therapeutische Zusatzwirkung in die Festbetragsregelung einbezogen werden.
Nach Ansicht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) handelt es sich bei dem Report um ein "sinnvolles, aber rein theoretisches Werk ohne Praxisbezug". Die Kassenärzte wehrten sich zudem gegen die Rolle "des ewigen und alleinigen Sündenbocks", sagte der KBV-Vizevorsitzende Leonhard Hansen. Die Mediziner hätten durch die Verordnung von Generika bereits mehrere Milliarden Euro eingespart. Der medizinische Fortschritt führe aber zu unvermeidlichen Zusatzkosten.
© ddp, Oktober 2003
Kommentar
Einmal wieder werden die Kassenärzte in die Rolle der "ewigen und alleinigen Sündenböcke" gerückt. Wenn man den Empfehlungen des Arzneimittelreports folgt, bedeutet dies in der Schizophreniebehandlung überwiegend eine Behandlung mit Haldol. Atypika blieben dann die absolute Ausnahme und sind im Zweifel bei der Regressprüfung des Kassenarztes "teure Analogpräparate" oder unnütze Geldverschwendung. Die psychiatrische Behandlung würde damit auf den Stand von 1980 zurückfallen.
Ineffizienz und Verschwendung ist nicht selten die Folge von Sparen am falschen Platz. Folgekosten an anderen Stellen und soziales Leid werden nicht eingerechnet, auch nicht die hohen Belastungen der Angehörigen.
Ein wirkliches Kräftemessen mit der Pharmaindustrie traut sich die Regierung nicht zu, sie macht es sich leicht, den schwarzen Peter den Ärzten zuzuschieben.
Solche Testbalone zu den "Einsparmöglichkeiten" können langfristig den Patienten schaden.
Roland Hartig
Redaktion Lichtblick-Newsletter
Schizophreniebehandlung
Aufklärungsinformationen von Karl C. Mayer
Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Facharzt
für psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse
www.neuro24.de/schi9.htm
Deutsches Ärzteblatt
"Versorgungsforschung: Fallbeispiel Schizophrenie -
Hohe soziale Kosten", von Dr. rer. pol. Harald Clade
www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=37989
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