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Beiträge - Übersicht Aufsätze & Berichte Redaktion 09.11.2003
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Der böse Tic - Tourette-Kranke schockieren ihre Umwelt


40 000 Menschen bundesweit davon betroffen

Von ddp-Korrespondentin Nadine Emmerich

Bremen (ddp). Am Anfang war die Angst vor dem Verrücktsein riesig groß. "Ich dachte jahrelang, irgendwann liege ich festgeschnallt und weggetreten in einem Klinikbett", sagt die 26-jährige Sylvia aus Bremen. Manchmal schreit sie plötzlich, stampft mit dem Fuß auf, dreht sich um die eigene Achse - und schockiert ihre Umwelt. Nach mehr als 20 Jahren Spießrutenlauf von Psychotherapeut zu Psychotherapeut bekam die Betriebswirtschaftsstudentin Anfang des Jahres endlich eine Diagnose: Sie leidet an der rätselhaften Krankheit Tourette-Syndrom (TS).

Tourette ist eine neurologisch-psychiatrische Erkrankung, die sich in so genannten Tics äußert. Tics sind Zuckungen, Grimassen schneiden, unwillkürlich hervorgebrachte Laute oder obszöne Wörter. Sylvia macht häufig Geräusche, die wie ein Miauen klingen. Sie hatte aber auch mal Phasen, in denen sie ständig "Wackelburg" oder "ficken" sagen musste. Jeder TS-Betroffene "tickt" anders, in unterschiedlichen Abständen und Heftigkeiten. Die Tics zu unterdrücken ist so schwer wie nicht zu niesen oder gegen einen Schluckauf anzugehen und nur für kurze Zeit möglich.

Bundesweit haben Schätzungen zufolge rund 40 000 Menschen Tourette. In der Bremer Selbsthilfegruppe tauschen zehn Mütter, Väter und Betroffene ihre Erfahrungen aus. Sigrids 15-jähriger Sohn Christoph wird "Zuckie" genannt. Der gleichaltrige Dennis hat einen IQ von 145, sollte aber auf die Sonderschule. Der 19-jährige Marcel hat sechs Monate lang nicht das Haus verlassen, weil er Angst vor Gespött auf der Straße hatte. Viele Menschen wissen gar nicht, welche Krankheit sie da anstarren. Sylvia hält ihr Leiden an der Fachhochschule daher geheim.

Unter dem Anderssein leiden auch die Eltern. Dennis' Mutter Elfie verteilte an der Schule Broschüren, weil ihr Sohn aus dem Unterricht geworfen wurde. "Die Leute können oder wollen die Krankheit aber nicht verstehen", sagt sie. Mohamed will seinen neunjährigen Sohn nicht eine Minute allein lassen. Mutter Jessica muss sich gegen ihre Eltern durchsetzen, die sagen: "Mach doch mal was mit dem Jungen." Alle sind unsicher im Umgang mit Medikamenten gegen die Tourette-Symptome, die Nebenwirkungen haben. Für viele Ärzte sei man ein "Versuchskaninchen", sagt Sigrid.

Tourette ist eine unheilbare Erkrankung des Gehirns. Betroffenen bleibt trotz Tabletten nichts anderes übrig, als mit der Krankheit leben zu lernen. Der 15-jährige Christoph "tickt" derzeit selten und nicht so heftig, so dass für ihn auch mal "ganz normales Leben" möglich ist. Auch einen handwerklichen Beruf kann sich Mutter Sigrid für ihn vorstellen. Sylvia würde später gern im Rechnungswesen arbeiten - ohne Kundenkontakt.

Zu den Tics kommen bei vielen Tourettern die Zwangsgedanken. "Und die sind gehässig", sagt die BWL-Studentin. Wenn Sie ein volles Tablett trägt, will sie plötzlich in die Hände klatschen. Hin und wieder will sie ein Glas kaputtbeißen oder ihre Hand auf die heiße Herdplatte legen.

Meist kommt die Krankheit im Kindergarten- oder Grundschulalter. Der 15-jährige Christoph stotterte mit fünf, mit sechs klimperte er wild mit den Augen. Als er im Fernsehen eine Wissenschaftssendung über Tourette sah, sagte er zu seiner Mutter: "Guck mal, das habe ich auch." Sylvias Eltern und Therapeuten hingegen warfen dem Mädchen übertriebenes Geltungsbedürfnis vor und sagten: "Du willst ja nur Aufmerksamkeit erregen." Noch immer sei die Krankheit nicht bekannt genug, sagt die Studentin: "Ob ein Arzt Tourette entdeckt oder nicht, ist ein Lottospiel."

Die Bremer Selbsthilfegruppe trifft sich jeden dritten Mittwoch im Monat im Gesundheitsamt. Weitere Informationen gibt es unter der Telefonnummer 0421 - 36 11 56 51.

(c) ddp, Mai 03



Was ist das Tourette-Syndrom?

Das Tourette-Syndrom (TS) ist nach dem Arzt Gilles de la Tourette benannt. Der Mediziner beschrieb 1825 als Erster die Symptome der rätselhaften Krankheit, die er bei einem siebenjährigen Mädchen beobachtete. Die durch so genannte Tics gekennzeichnete Erkrankung beginnt im siebten oder achten, fast immer aber vor dem 21. Lebensjahr.

Es gibt motorische Tics wie Kopfrucken oder Grimassen schneiden. Vokale Tics sind Grunzen oder mit der Zunge schnalzen. Zu den komplexeren Tics zählen Schlagen und Körperverdrehungen oder das Ausstoßen obszöner Worte. Die Tics nehmen bei innerer Anspannung oder Stress zu und lassen in entspanntem Zustand nach.

Aktuelle Forschungsergebnisse gehen davon aus, dass bei TS ein gestörter Stoffwechsel von mindestens einer chemischen Substanz im Gehirn vorliegt. Bislang gibt es keine Therapie, die zur Heilung führt. Aufgrund historischer Dokumente wird diskutiert, ob auch Napoleon, Peter der Große und Wolfgang Amadeus Mozart ein Tourette-Syndrom hatten.

http://www.tourette.de




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